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Personal/Hintergrund  

Wie geht’s, Christina Fischer?

Frühere Nationalspielerin aus Viechtach lebt seit 2018 in Spanien

Sonne und Meer: Christina Fischer in Spanien (Foto: privat)

Wenn sich Christina Fischer etwas vornimmt, dann geht sie konsequent ihren Weg. In den 90er Jahren wurde die gebürtige Viechtacherin Tischtennis-Profi, legte eine beeindruckende Karriere hin, war mit dem TTC Langweid u.a. Europapokalsiegerin und wurde 2001 Deutsche Einzel-Meisterin. Mit Mitte 20 folgte der Einstieg ins Berufsleben parallel zum Bundesliga-Tischtennis. 2013 kündigte sie Job und Wohnung, um mit dem Rucksack für ein Jahr auf Weltreise zu gehen – „das absolute Highlight meines Lebens“, wie sie heute sagt. Seit 2018 lebt „Fischi“ in der Nähe von Almeria ihren spanischen Traum unter der Sonne Andalusiens. Doch der Reihe nach ...

Als junges Mädchen unternimmt sie ihre ersten Versuche am Tisch. „Wir hatten zuhause eine Platte, und der Papa hat uns mit ins Training beim TV Viechtach genommen. Ich weiß aber nicht mehr, was davon zuerst kam“, erzählt Christina Fischer. Mit „uns“ ist sie und ihre vier Jahre jüngere Schwester Sabine gemeint. „Ich denke sogar, dass sie talentierter war“, sagt die große Schwester über die frühere Schüler-Nationalspielerin, die im Teenager-Alter aufhörte. Der Papa brachte seinen Töchtern eine ordentliche Technik bei. „Er konnte selbst nicht so gut spielen, aber die Technik vermitteln, was viel entscheidender war.“ Dass aus dem jungen Mädchen aus Viechtach später eine erfolgreiche Nationalspielerin werden würde, war da natürlich noch nicht abzusehen. „Irgendwie hat sich das so ergeben.“ Als Fischer stetig Fortschritte machte und das Training in der Heimat nicht mehr ausreichte, wechselte sie nach Regensburg und kurz danach nach Röthenbach (Regionalliga und 2. Bundesliga). Da trainierte sie schon jeden Tag. „Meinen Eltern habe ich es zu verdanken, dass ich es soweit geschafft habe. Als Kind checkst du das ja nicht, aber was meine Eltern an Zeit aufgenommen haben, ist rückblickend der Wahnsinn.“ Die Eltern fahren ihre Tochter mehrmals pro Woche zu Stützpunkten in Regensburg und Burglengenfeld. Eine Stunde Anfahrt, drei Stunden beim Training zuschauen, eine Stunde wieder zurück. An den Wochenenden standen Punktspiele oder Turniere an.

 "Ich war mental nicht besonders gut"

Christina Fischer spielt sich peu à peu in den Kreis der Jugend-Nationalmannschaft, wird deutsche Jugendmeisterin im Doppel mit Elke Schall und deutsche Juniorenmeisterin im Einzel. 1992 bei den Jugend-Europameisterschaften in Granada holt sie mit dem DTTB-Team die Silbermedaille. Dieses Turnier, die Medaille und diese besondere Mannschaft um Fischer, Schall und Bundestrainer Horst Heckwolf ist Fischer besonders in Erinnerung geblieben. „Ich habe damals über meinem eigentlichen Niveau gespielt, Spielerinnen geschlagen, die eigentlich über mir in der Rangliste standen“, erzählt Fischer. In wichtigen Partien ihre maximale Leistung abzurufen, sei ihr in ihrer Karriere nicht immer gelungen. „Ich war mental nicht besonders gut“, gesteht sie heute. „Es kamen oft negative Gedanken, so etwas wie: Was passiert, wenn ich das Spiel verliere? Die Gegnerin ist soviel besser. Oder ich wurde total verkrampft oder eisig, weil ich eigentlich die klare Favoritin war.“ Mit der Zeit habe sie durch mentales Training, durch Entwicklung von Routinen und mithilfe von Visualisierung diese negativen Gedanken in eine Fokussierung und Konzentration umwandeln können.

Mont-Blanc-Bezwingerin: "Schwerste Prüfung überhaupt"

Diese gewonnenen Erfahrungen halfen ihr 2017, als sie zusammen mit einer anderen Frau und einem Bergführer den Mont Blanc (4809 Meter) bestieg. „Das war körperlich und mental die schwerste Prüfung überhaupt“. Ein Jahr trainierte sie auf das Ziel hin. Am ersten Tag ging es rauf bis auf 3900 Meter, da machte ihr die Höhe schon zu schaffen. Der zweite Tag brachte sie dann an ihre Grenze. „Die letzten 600, 700 Meter gingen durch Eis und Schnee, Schritt für Schritt nach oben, man kam nicht wirklich voran, weil man im Schnee einsackte. Aber die Qualen waren es absolut wert und das Erlebnis gigantisch.“

1992, nach dem Abitur, hatte Christina Fischer eine Profi-Laufbahn eingeschlagen, ihre erste Station war der TTC Langweid. Mit dem höchst erfolgreichen schwäbischen Verein wurde sie unter anderem Deutscher Meister, gewann zweimal den ETTU-Pokal und einmal den Europapokal der Landesmeister. Es folgte eine Ausbildung als Sportsoldatin in München, Stationen in Lübeck, zweimal Berlin, Röthenbach, Kroppach und am Ende ein weiteres Mal Langweid. „Ich muss sagen, dass es alles tolle Vereine waren und ich super aufgenommen wurde. Die schönste Zeit in einer Mannschaft habe ich in Berlin gehabt, wir waren eine echte Einheit, es gab keine Einzelgänger, jede war für die andere da.“ Generell habe sie immer lieber in einer Mannschaft gespielt als für sich bei einem Turnier.

Höhepunkt: Deutsche Meisterin 2001

42 Mal trug Christina Fischer das Trikot der deutschen Nationalmannschaft, sie gehörte zur DTTB-Auswahl, die 1996 und 1998 EM-Gold gewann und 1997 WM-Bronze holte. Ihr persönlich schönster Erfolg war der Deutsche Meistertitel im Einzel 2001 in Böblingen, als sie unter anderem Jie Schöpp im Viertelfinale und im Endspiel Elke Schall besiegte. Ein Jahr später bei den Titelkämpfen in Koblenz holte sie Bronze, erhielt aber noch anderweitig Aufmerksamkeit, weil sie im Achtelfinale eine Schiedsrichter-Entscheidung zu ihren Ungunsten korrigierte. Dafür erhielt sie den Fairness-Preis des "Swaythling Clubs International". Interessanterweise kann sich Fischer heuer gar nicht mehr dran erinnern und möchte auch im Nachgang keine große Sache draus machen. „Klar, es gibt immer Ausnahmen, aber es ist doch in dem Sport eigentlich normal, zuzugeben, wenn Bälle dran waren. Das hat dem Sport auch immer ein großes Ansehen verschafft. Wenn stattdessen im Fußball Elfmeter geschunden werden, dann wird man von den Mitspielern noch bejubelt", lautet Fischers klare Meinung. 

1999 Rücktritt aus der Nationalmannschaft

1999 kehrte Christina Fischer dem Profi-Dasein den Rücken, absolvierte eine Ausbildung zur Bankkauffrau und spielte parallel in der Bundesliga. Die Konkurrenz in der Nationalmannschaft war auch durch die Einbürgerungen von Spielerinnen wie Jie Schöpp, Jing Tian-Zörner und Qianghong Gotsch zu stark geworden. „Mein Ziel war es auch immer, eine Ausbildung neben dem Sport zu machen.“ Das zweite Standbein half ihr auch über Niederlagen hinweg. „Wenn du sonntags verlierst, kannst du nicht lange nachdenken, weil du am Montag wieder im Büro bist und liefern musst, aber auch Erfolgserlebnisse hast.“ Für ihre Profi-Karriere, die Reisen ins Ausland, das Treffen verschiedenster Personen sei sie sehr dankbar, sagt Fischer. Die Leistungssport-Erfahrungen hätten ihr im Job geholfen. „Im Profisport lernt man, mit Niederlagen umzugehen. Du hast nicht viel Zeit zur Verarbeitung, weil nächste Woche oder vielleicht sogar in einer halben Stunde das nächste wichtige Match wartet.“

Weltreise 2013 das "absolute Highlight"

2007 beendete Fischer ihre sportliche Karriere. In den Jahren danach reifte der Entschluss, noch mal einen größeren Cut zu machen, und nach vielen Monaten der Planung ging Fischer das Abenteuer Weltreise ein. Über Island ging es nach New York, von dort aus durch die USA, später nach Australien, Neuseeland und Südostasien. Ein Jahr war sie nur mit dem Rucksack unterwegs. „Das war das absolute Highlight meines Lebens“, sagt sie rückblickend und hat dabei unvergessliche Bilder im Kopf. Anfangs habe sie noch auf die Uhr oder das Datum geschaut, später sich dann nur noch treiben lassen und Begegnungen, Eindrücke und Erlebnisse aufgesogen. Ihre Wohnung in München hatte sie gekündigt, den Job wollte sie auch aufgeben, doch der Arbeitgeber bot ihr ein „Sabbatical“ an, sodass sie nach der Reise wieder zurückkommen konnte.

Seit 2018 ist ihr Lebensmittelpunkt in Spanien

Die Kündigung bei der Bank folgte dann ein paar Jahre später, als sie ihren Lebensmittelpunkt nach Südspanien verlegte. Am „Am 10. April bin ich geflogen, am 20. April habe ich in dem neuen Job angefangen.“ Im September hat sie mit ihrem Lebensgefährten ein Haus in der Nähe von Almeria (Andalusien) bezogen. Die Lebensqualität will sie nicht mehr missen. In ihrem neuen Job bei einem britischen Unternehmen kümmert sie sich um Touristen, die an der Südküste Urlaub machen; sie klappert die Partner-Hotels ab, informiert, bietet Ausflüge an, hilft bei Problemen. „Der Job ist einfach toll, ich habe viel mit Menschen zu tun und kann wirklich etwas bewirken.“ Wegen der Pandemie steht bis voraussichtlich Juni die Tourismus-Branche still. Dann soll es wieder losgehen. Christina Fischer, die fließend Englisch und Spanisch spricht, erhält momentan wie viele hierzulande das erst während der Pandemie in Spanien eingeführte Kurzarbeitergeld. Obwohl die Inzidenzen deutlich höher seien als in Deutschland, sind Geschäfte, Cafés und Restaurants (zur Nutzung draußen) geöffnet. Gewisse Kontakt-Beschränkungen gebe es aber.

Siesta am Strand

Mit der spanischen Lebensweise hat sich Christina Fischer schon seit längerem angefreundet. „Ich kann mir meine Zeit ganz gut einteilen, normalerweise arbeite ich an sechs Tagen pro Woche, morgens von 9 bis 12 oder 13 Uhr und dann noch mal von 17 bis 20 Uhr.“ Die Siesta verbringt sie oft am Strand. „Da ist schon ein Unterschied, ob ich bei 10 Grad und Regen morgens in die Bank gehe oder ob ich hier bei Sonnenschein und warmen Temperaturen viel am Strand sein kann.“ In der Freizeit ist sie seit jeher sportlich unterwegs, geht fast täglich laufen. Die Tierliebhaberin hält zwei eigene Katzen und peppelt darüber hinaus Katzenbabys auf, die später zur Adoption freigegeben werden. Aus dem Tischtennis-Sport ist sie raus, bis auf ein paar wenige engere Kontakte und vor Corona regelmäßige Besuche bei den German Open („Das war wirklich immer sehr schön“) ist da nicht mehr viel Bezug. Zwei Dinge vermisst Christina Fischer in Spanien: „Meine Familie und die Berge“, sagt die Mont-Blanc-Bezwingerin. Ansonsten scheint sie ihrem Lebenstraum schon ziemlich nahe zu sein.

Bei ihrem größten Einzelerfolg, dem DM-Sieg 2001, schaffte sie es auf das Cover des Magazins "tischtennis"
2001 Deutsche Meister im Einzel: Christina Fischer und Timo Boll
Die starke Vorhand war ihr Markenzeichen
1997 gehörte Christina Fischer (links) zum Damen-Team, das WM-Bronze gewann
Christina links als Sportsoldatin bei der Bundeswehr

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