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"München ist leider noch ein weißer Fleck"

Interview mit Sven Trautner, dem Ping Pong Parkinson-Regionsleiter von Bayern

Sven Trautner (links) mit Schwabachs Abteilungsleiter Mathias Ullrich

Im April 2020 ändert sich das Leben von Sven Trautner schlagartig – nicht etwa aufgrund der beginnenden Corona-Pandemie sondern in vergleichsweise jungen Jahren mit der überraschenden Diagnose Morbus Parkinson und der Gewissheit, unheilbar krank zu sein. „Ich bin erstmal in ein Loch gefallen, stand unter Schock. Nach vier Wochen habe ich dann angefangen, nach vorne zu schauen“, erzählt der heutige 45-Jährige aus Rohr, Mittelfranken, heute. „Man muss versuchen, das Beste draus zu machen.“

Trautner, der zuvor nie im Verein Tischtennis spielte, entdeckte im Frühjahr dieses Jahres die Sportart für sich, gründete zusammen mit dem TV 1848 Schwabach einen Stützpunkt der Initiative „Ping Pong Parkinson“ (PPP) und ist seit kurzem PPP-Regionsleiter von Bayern. In dieser Funktion sucht er nach Vereinen im Freistaat, die ebenfalls eine PPP-Gruppe gründen wollen. Für alle Interessierten, die E-Mail-Adresse lautet: bayern@pingpongparkinson.de

Der Monteur im Außendienst war bis vor der Diagnose fast 20 Jahre Fan-Beauftragter beim Eishockey-Club Nürnberg Ice Tigers, musste dort jede Menge Kommunikationsarbeit mit Fans, Verein, Behörden leisten, was ihm nun in seiner neuen Rolle als PPP-Regionsleiter entgegenkommt. Im Interview spricht Trautner über seine Erfahrungen, die Vorteile von Tischtennis für Parkinson-Erkrankte und über immer noch bestehende Berührungsängste.

Wie bist du überhaupt PPP-Regionsleiter von Bayern geworden?
Sven Trautner:
Ich wurde, ehrlich gesagt, relativ unvorbereitet gefragt. Der 1. Vorsitzende von PPP, Thorsten Boomhuis, hat mich angerufen und erzählt, dass der bisherige Regionsleiter in Bayern das Amt aus zeitlichen Gründen nicht mehr weitermachen kann. Weil ich einen gewissen Background in Bezug auf Organisation und Öffentlichkeitsarbeit habe, wäre ich geeignet. Ich habe mir dann eins, zwei Tage Zeit gelassen und dann zugesagt.

Woher kannte Thorsten dich überhaupt?
Trautner:
Ich bin in dem Parkinson-Podcast von Kathrin Wersing „Jetzt erst recht!“ auf Thorsten und die Initiative PPP aufmerksam geworden und habe ihn dann mal kontaktiert, ob es sowas nicht in meiner Nähe gebe. Er ist sehr direkt und hat dann gesagt, dann mach‘ einfach einen Stützpunkt auf. Beim TV 1848 Schwabach habe ich mit der Idee offene Türen eingerannt, jetzt haben wir seit Mai eine Parkinson-Gruppe, die in eine Freizeitgruppe integriert ist. Ich selbst hatte vorher nie etwas mit Tischtennis im Verein zu tun, hatte nur in Jugendzeiten mal ein bisschen gespielt.

Wie hat sich die Gruppe in Schwabach gefunden und wie stellt sich das konkret dar?
Trautner:
Der TV 48 Schwabach und sein Abteilungsleiter Mathias Ullrich waren von Anfang an Feuer und Flamme für das Projekt. Wir haben die Parkinsongruppe in die Freizeitgruppe integrieren können. Es geht in erster Linie um Spaß und Bewegung. In Schwabach ist sogar immer ein Trainer dabei, der uns noch ein paar Tricks oder Übungen zeigt. Mittlerweile spielen die Aktiven auch untereinander und nicht nur die Parkinsongruppe für sich. Es sind etwa 10 Personen plus noch mal 10 aus der Freizeitgruppe.

Wie habt ihr die Mitglieder für die PPP-Gruppe angeworben?
Trautner:
Wir haben in den örtlichen Medien Artikel unterbringen können und Flyer gedruckt. Nachdem Eckhart von Hirschhausen in der TV-Sendung „Das Quiz der Menschen“ das Thema Parkinson und Tischtennis aufgegriffen hatte, gab es noch mal einen Zulauf. Deutschlandweit hat PPP bereits 400 feste Mitglieder. Und dies trotz Corona, wo es schon eine ziemliche Zurückhaltung gibt. Ich denke, das kann in Zukunft noch deutlich mehr werden.

Du hattest zuvor nie im Verein Tischtennis gespielt. Wie war es für dich persönlich, im Frühjahr zum ersten Mal überhaupt nach Jahrzehnten mal wieder zum Schläger zu greifen und zu spielen?  
Trautner:
Anfangs haben wir – wie bei den Kindern – erstmal mit Luftballons angefangen, was auch schon Spaß machte. Mittlerweile klappt das Spielen schon recht gut. Unser Trainer gibt sich auch sehr große Mühe, uns was zu zeigen, oder das tun auch andere aus dem Verein. Wir sind zwar noch blutige Anfänger, machen aber Fortschritte, und nächstes Jahr werde ich an den German Open in Bad Homburg teilnehmen.

Wie prägt sich die Krankheit speziell bei dir aus und wie hilft dir Tischtennis da?
Trautner:
Generell versuche ich mich viel zu bewegen, bin auch regelmäßig im Fitness-Studio. Die Krankheit äußert sich bei jedem etwas anders. Ich habe vor allem Probleme mit der Feinmotorik in der linken Hand und das Gehen fällt zunehmend schwerer. Beinnachziehen und das Zittern kommen hinzu. Von den Medikamenten bin ich momentan ganz gut eingestellt. Tischtennis hilft mir vor allem bei der Feinmotorik und der Auge-Hand-Koordination. Generell ist die Sportart super bei Parkinson, weil man beweglich bleibt.

Hast du noch ein Beispiel?
Trautner:
Beim TV 1848 Schwabach haben wir ein Mitglied, dass sich normalerweise nur am Rollator fortbewegt. Ehrlicherweise hatten wir anfangs uns gefragt, wie wir es ihm schonend beibringen sollen, dass Tischtennis nicht der richtige Sport für ihn ist. Und was ist passiert? Der Mann steht am Tisch, ohne Rollator, und macht uns alle nass. Neulich hat er erst gesagt, wie rundum wohl er sich bei uns fühlt und wie glücklich er ist, dass er diesen Sport ausüben kann. Die Halle in Schwabach ist, wie wohl viele Hallen, nicht barrierefrei. Wir müssen ihn also auf der Treppe stützen. Aber das ist alles gar kein Problem.

Es gibt viele Selbsthilfegruppen für Parkinson-Erkrankte, was kann ein TT-Verein vielleicht noch mehr bieten?
Trautner:
Die Selbsthilfegruppen sind gut und wichtig. Beim Tischtennis habe ich den Bewegungspart noch dabei und es finden ja trotzdem noch Gespräche über die Krankheit statt. Nach dem Training sitzen wir in Schwabach auch noch zusammen, reden bei einem Bier über Gott und die Welt. Das Gesamtpaket stimmt.

Was sind deine Ziele als PPP-Regionalleiter in Bayern?
Trautner:
Aktuell haben wir 15 Partner-Vereine in Bayern, es sollen natürlich mehr werden. Wir wollen möglichst vielen diesen tollen Sport näherbringen. Daher gehen wir auch in die Offensive, sprechen die Vereine gezielt an. Manche Vereine kommen zwar auf uns zu, aber das ist eher selten der Fall.

Wo gibt es noch weiße Flecke in Bayern?
Trautner:
Bislang gibt es tatsächlich in München noch keinen Verein, ansonsten decken wir den Freistaat schon ganz ordentlich ab. München ist aber schwierig, es gab das eine oder andere Gespräch, das dann aber – auch wegen Corona – leider im Sand verlief. Manchmal habe ich generell schon noch das Gefühl, dass es bei Vereinen zum Teil Berührungsängste gibt, die man aber überhaupt nicht haben muss. Parkinson ist nicht ansteckend.

Wenn ein Verein interessiert ist, was muss er tun bzw. welche Voraussetzungen muss er mitbringen?
Trautner:
Eigentlich braucht er nur eine Hallenzeit und vielleicht noch jemanden, der den Aktiven erste Schritte im Tischtennis zeigt. Das muss kein Trainer sein, da reicht auch ein Spieler, der zeigt, wie die Schlägerhaltung funktioniert oder wie die Grundschläge aussehen. Wenn ein Verein interessiert ist, kann er sich gerne bei mir melden.

Inwiefern profitieren Vereine auch von den PPP-Gruppen?
Trautner:
Gerade während Corona haben Vereine mit Mitgliedsrückgängen zu kämpfen. PPP  bietet durchaus die Möglichkeit, neue Mitglieder zu gewinnen, auch wenn das natürlich erstmal keine großen Zahlen sind. Außerdem bereichern die PPP-Gruppen das Vereinsleben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Über Parkinson: Parkinson ist eine bislang unheilbare Nervenzellenerkrankung, bei der der Botenstoff Dopamin nicht ausreichend produziert wird. Dopamin, als Glückshormon bekannt, spielt eine große Rolle bei der Bewegungsfähigkeit. Mehr als 200.000 Menschen in Deutschland sind von Parkinson betroffen. Sven Trautner ist nicht nur PPP-Regionsleiter sondern hat auch eine eigene Webseite, auf der er über sich und die Krankheit informiert: "Parkinson - na und?!"

Ein Blick in das Training
Trautner selbst in Aktion

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