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"Wir fahren einen neuen Ansatz in der Schiedsrichter-Ausbildung"

Verbandsschiedsrichterobmann Joachim Car spricht im Interview über die neue, onlinegestützte SR-Ausbildung im BTTV

Die SR-Ausbildung im BTTV ist ab diesem Jahr deutlich stärker online-gestützt (Foto: Nils Rack)

In der Trainer-Ausbildung des BTTV sind onlinegestützte Lehr- und Lernphasen bereits etabliert. 2019 hält die Online-Ausbildung auch in der Schiedsrichter-Ausbildung Einzug. Joachim Car, Verbandsschiedsrichterobmann (VSRO) im BTTV, erklärt, was dahintersteckt.

Die Ausbildung zum Verbandsschiedsrichter wird 2019 angepasst. Erstmalig erfolgt die Wissensvermittlung auch online. Wie ist die Ausbildung nun strukturiert?
Joachim Car:
Das Konzept ist relativ einfach. Wir ersetzen den bisherigen Frontalunterricht im Seminarraum an einem festgelegten Ort zu einer festgelegten Zeit durch selbstgesteuertes und eigenverantwortliches Aneignen von Schiedsrichter-Grundwissen zu Hause am PC, während der Zugfahrt oder am Badestrand mit dem Tablet oder dem Smartphone. Diese Selbstlernphasen wechseln sich ab mit kürzeren und kompakteren Präsenzphasen. Dies soll einerseits die Zeit, die wir bisher für Präsenzunterricht benötigten, reduzieren, andererseits die knappe und oft eingeschränkt verfügbare Zeit des Lernenden optimiert zum Einsatz bringen. 

Warum setzt das Schiedsrichter-Wesen jetzt ebenfalls verstärkt auf die Online-Ausbildung?  
Car:
Angeregt durch den Erfolg des Blended-Learning-Konzepts in der Trainerausbildung des BTTV, aber auch aufgrund der Forderung von Teilnehmern der letztjährigen Schiedsrichter-Basisausbildung, die Präsenzausbildung zugunsten von Selbstlernphasen zu reduzieren, wollen wir bereits 2019 den Versuch starten, computerunterstützte Lerninhalte in die Schiedsrichter-Ausbildung zu integrieren. Ziel ist es dabei auch die Eigenverantwortung der Schiedsrichter-Anwärter zu stärken. Durch ein flexibles und selbstgesteuertes Zeit- und Lernmanagement wollen wir auch Teilnehmer ansprechen, die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Situation keine drei oder vier Wochenenden aufbringen können, um eine Schiedsrichter-Ausbildung zu absolvieren.

Wie sieht die Online-Ausbildung konkret für die angehenden Verbandsschiedsrichter aus?
Car:
Nach der Anmeldung (Februar/März) wird der Schiedsrichter-Anwärter (SR-Anw) einem Schiedsrichter-Lehrwart (SR-LW) fest zu geordnet. Dieser SR-LW betreut und begleitet den SR-Anw in allen Onlinephasen während der Schiedsrichter-Ausbildung. In einem Einführungstest stellen wir zunächst das bereits vorhandene Regel-Grundwissen fest. Danach erfolgt die Bearbeitung eines Lernmoduls 1 „Die internationalen TT-Regeln Teil A“ selbständig zu Hause am PC. Mit einem Wiederholungs-Übungstest messen wir den Lernfortschritt. Im Anschluss erfolgt die Bearbeitung des Lernmoduls 2 „Die Aufgaben eines Schiedsrichters am Tisch bei der Leitung eines Einzel- und Doppelspiels“ am PC. Auch diese Phase schließt mit einem weiteren, etwas anspruchsvolleren Übungstest ab. Der betreuende SR-LW führt dann ein Abschlussgespräch am Telefon mit dem SR-Anw und schließt mit einer Bewertung des Leistungsstandes die erste Online-Ausbildungsphase ab. Diese erste Phase kann je nach zeitlicher Verfügbarkeit und Lerneifer des SR-Anw zwischen  einem und drei Monaten dauern.

Neben der theoretischen Wissensvermittlung nimmt der praktische Part für einen angehenden Schiedsrichter sicher eine bedeutende Rolle ein. Wie sieht die Ausbildung am Tisch aus?
Car:  Nach Abschluss der ersten Online-Lernphase wird die erste Präsenzveranstaltung (Ende Mai/Anfang Juni) möglichst nach regionalen Gesichtspunkten geplant und festgelegt. Die Teilnehmer werden zu einem Wochenendseminar eingeladen. Dabei wird neben der Stoffvertiefung viel Raum der praktischen Schulung als Schiedsrichter am Tisch (SRaT) eingeräumt. Wir wollen dann einen ganz neuen praktischen Ansatz in der Schiedsrichter-Ausbildung fahren. In einer Anwendungs- und Übungsphase (September bis November) sollen die SR-Anw mindestens zweimal einen erfahrenen OSR bei einem Einsatz in der Verbandsoberliga begleiten, um dort während des Mannschaftswettkampfs als SRaT eingesetzt zu werden. Ziel und Zweck ist es die handwerklichen Fertigkeiten eines SRaT einzuüben, um weitere individuelle Handlungssicherheit zugewinnen. In dieser praktischen Phase stellt der betreuende SR-LW dem SR-Anw zusätzlich immer wieder kleine theoretische Aufgabenstellungen, die computerunterstützt zu Hause zu bearbeiten sind. Damit sollte ein SR-Anw genügend Rüstzeug erhalten haben, um die Lizenzprüfung im Dezember erfolgreich absolvieren zu können.

Hat sich denn generell inhaltlich in der Ausbildung etwas verändert?
Car:
Die Inhalte der Schiedsrichterausbildung bleiben unverändert. Lediglich der Art der Aneignung von Wissen bzw. die Form der Vermittlung von Wissen ändert sich. Wir können die Schwerpunkte anders setzen. Wir können mehr Zeit für Stoffvertiefung und Reflexion einplanen sowie die praktischen Anteile erweitern und damit anwendungsbezogener ausbilden.

Die Ausbildung zum Bezirksschiedsrichter gibt es nicht mehr. Warum?
Car:
Da gibt es zwei wesentliche Gründe. Der Spitzensport hat sich in den letzten Jahren durch die Einführung der TTBL bei den Herren, der eingleisigen 2. Bundesligen und der neuen 3. Bundesligen immer weiter professionalisiert. Die Schiedsrichterorganisationen in den Landesverbänden konnten diesen Weg bisher nur sehr eingeschränkt mitgehen. Der Tischtennis-Schiedsrichter – auch in den Bundesligen - ist ehrenamtlich und freiwillig tätig. Er versteht seinen Einsatz als Hobby, als freiwillige Bereitstellung seiner Freizeit für den Tischtennissport; und er betreibt dieses Hobby ohne ein Streben nach monetärer Belohnung oder gar Verdienst. Das ist der große Unterschied zum Profisportler. Unabhängig davon fordern aber die aktiven Tischtennisprofis und Trainer in den Bundesligen den überdurchschnittlich kompetenten, stets regelsicheren und entsprechend durchsetzungsfähigen Schiedsrichter, ob als Leiter eines Einzel- oder Doppelspiels am Tisch oder als verantwortlichen Oberschiedsrichter bei der Leitung eines Mannschaftswettkampfs. Dieses Anforderungsprofil können wir in einem zweitägigen Schiedsrichter-Crash-Kurs mit integrierter Prüfung nicht erreichen. Deshalb müssen wir mehr Zeit in die Ausbildung unserer Schiedsrichter investieren. Wenn wir schon einen erhöhten Aufwand betreiben, dann wollen wir die Teilnehmer auch zur maximal möglichen Ausbildungsstufe auf Verbandsebene führen; auch um zeitliche Nachteile bei der Förderung für höherwertige Aufgaben auf Bundesebene (Nationale und internationaler Schiedsrichter) zu vermeiden. Wir schaffen zwar die Bezirksschiedsrichter-Lizenz nicht ab, aber wir bilden keine neuen Bezirksschiedsrichter mehr aus. Wir wollen von Anfang an den gut ausgebildeten und qualifizierten Verbandsschiedsrichter, der nach erfolgreich absolvierter Ausbildung mindestens in der Lage ist in der 3. Bundesliga als Schiedsrichter am Tisch sowie in der Oberliga als OSR seine Aufgaben zufriedenstellend zu erfüllen.

Wie viele Schiedsrichter gibt es aktuell in Bayern und wie hoch wäre/ist der Bedarf?
Car:
Wir verfügen mit Stand 31.01.2019 über 362 aktive lizenzierte Schiedsrichter. Davon sind 266 Bezirksschiedsrichter, 69 Verbandsschiedsrichter, 18 Nationale Schiedsrichter und 9 Internationale Schiedsrichter. Für die oben beschriebenen Aufgaben benötigen wir mittelfristig 150 und langfristig 300 Verbandsschiedsrichter. Wir haben als SR-Organisation auf Verbandsebene pro Saison ca. 1.500 SR-Einsätze zu leisten. Das  wären dann im Durchschnitt fünf Einsätze pro Schiedsrichter während eines Spieljahrs.

Bei den Bayerischen Meisterschaften haben fünf Verbandsschiedsrichter ihre Prüfung abgelegt. Gibt es eine Zielsetzung für dieses Jahr?
Car:
Für die nächsten beiden Jahre wäre es erstrebenswert, die Schwelle von 100 VSR zu überschreiten. Das bedeutet, dass sich in den Jahren 2019 und 2020 jeweils 15 bis 20 Sportkameraden für die VSR-Ausbildung anmeldet sollten, damit wir das Plan-Soll bis Ende 2020 erreichen können.

Wenn sich jemand für die Ausbildung zum Verbandsschiedsrichter interessiert, ist ein Einstieg jetzt für 2019 überhaupt noch möglich? Und Anschlussfrage: Welche Voraussetzungen muss man mitbringen?
Car:
Ja, selbstverständlich. Wir beginnen ja quasi mit dieser Information mit der Werbung für die Ausbildung im Kalenderjahr 2019. Der Ausbildungsgang beginnt für jeden Neueinsteiger flexibel und angepasst an die individuelle zeitliche Verfügbarkeit in den Monaten Februar bis Mai und endet im Dezember bei den bayerischen Jugend-Meisterschaften mit der Lizenzprüfung. Voraussetzungen, die man mitbringen sollte, sind: In erster Linie Freude am Tischtennissport, Interesse an der Schiedsrichtertätigkeit, sport-soziale Kompetenz, Verlässlichkeit, Disziplin und Teamfähigkeit, Besitz eines PC, Laptops oder Tablets mit Internetanschluss und (besonders wichtig) Bereitschaft zum selbstgesteuerten Lernen mit modernen Kommunikationsmedien.

Anmeldungen sind ab sofort beim Verbandsschiedsrichterobmann Joachim Car per E-Mail (joachim.car@vodafonemail.de) möglich. Folgende Angaben sind dabei wünschenswert: Name, Vorname, Geburtsdatum, Verein, Bezirk, Wohnort, telefonische Erreichbarkeit, E-Mail-Adresse, Funktionen im Verband bzw. Verein.

Die Praxis-Schulung kommt in der Ausbildung nicht zu kurz (Foto: Nils Rack)
Verbandsschiedsrichterobmann Joachim Car im Interview (Foto: Florian Leidheiser)

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