Trifon Lengerov ist seit etwas mehr als drei Jahren bayerischer Landestrainer für Para-Tischtennis. In dieser Zeit hat er einiges bewegen können. Im BTTV-Talk spricht der 47-jährige, ehemalige bulgarische Mannschaftsmeister mit dem TTV CSKA Sofia über eine schwere Anfangszeit, erreichte Meilensteine und aktuelle Herausforderungen.
Trifon, du bist inzwischen seit gut drei Jahren als Landestrainer Para-Tischtennis in Bayern tätig. Wie fällt dein persönliches Fazit aus?
Trifon Lengerov: Die ersten Monate ab dem Einstieg im Jahr 2023 waren für mich eine große Umstellung und eine Phase der Orientierung. Ich komme komplett aus dem Regelsport, habe dort viel im Leistungssportbereich gearbeitet und musste zunächst lernen, wie ich meine Erfahrungen auf die unterschiedlichen Behinderungen der Sportlerinnen und Sportler übertragen kann. Im Para-Bereich geht es zwar genauso professionell um Leistung – die Athleten opfern enorm viel Freizeit und richten ihre Lebensplanung danach aus –, aber man muss als Trainer die individuellen körperlichen Voraussetzungen verstehen und daraus die exakt passende Spielweise entwickeln.
Dabei habe ich von Beginn an viel Unterstützung erhalten – vom Deutschen Behindertensportverband (DBS), vom BTTV sowie vom BVS. Ich konnte wertvolle Workshops besuchen, am Bundesstützpunkt in Düsseldorf hospitieren und habe meine A-Lizenz für Para-Tischtennis absolviert, die maßgeblich vom Bundestrainer begleitet wurde. Heute fühle ich mich in meiner Rolle und bei den täglichen Aufgaben sehr sicher und gehe mit viel Selbstbewusstsein an die Arbeit.
Was macht die Arbeit im Para-Tischtennis besonders?
Lengerov: Jeder Sportler bringt völlig andere Voraussetzungen mit. Deshalb muss man als Trainer noch viel feinfühliger und individueller arbeiten als im Regelsport. Oft gilt es, Spielsysteme, die Beinarbeit, die Schlagtechnik oder sogar das Material präzise an die jeweilige Behinderung anzupassen.
Im internationalen Para-Tischtennis wird von den Gegnern zudem extrem gezielt auf die jeweiligen Einschränkungen und Schwachpunkte gespielt. Deshalb reicht es nicht, nur im klassischen Regelsport zu trainieren. Die Athletinnen und Athleten müssen lernen, mit diesen hochspezifischen taktischen Situationen umzugehen und das Beste aus ihren eigenen Möglichkeiten herauszuholen. Das betrifft alle Facetten – vom Aufschlag-Rückschlag-Spiel über die Platzierung bis hin zur mentalen Einstellung. Die taktische Denkweise unterscheidet sich teilweise deutlich vom klassischen Tischtennis.
Wie hat sich der Para-Bereich in Bayern in den vergangenen drei Jahren entwickelt?
Lengerov: Als wir 2023 gemeinsam mit dem Verband gestartet sind, um eine leistungsorientierte Struktur aufzubauen, war ich anfangs durchaus skeptisch. Wir hatten im Grunde gerade einmal zwei Sportler, die bereit waren, in dieses System einzusteigen. Mit dieser Mini-Gruppe haben wir angefangen.
Heute verfügen wir über eine feste, hochmotivierte Leistungsgruppe mit mehr als acht Athletinnen und Athleten. Damit haben wir erstmals eine klare, durchlässige Struktur geschaffen, die wir in Leistungsklasse 1 (LK1), Leistungsklasse 2 (LK2) und einen Nachwuchsbereich unterteilen. Im Nachwuchs sichten wir mittlerweile gezielt talentierte Kinder, was mir die systematische Arbeit ungemein erleichtert.
Wie habt ihr diese Entwicklung konkret erreicht?
Lengerov: Ein ganz wesentlicher Baustein war die massive Steigerung der Trainingsintensität und die Etablierung regelmäßiger Lehrgänge. Mittlerweile kommen wir auf bis zu zehn Maßnahmen pro Jahr – wir treffen uns also fast jeden Monat für ein intensives Trainingswochenende in Heilsbronn bei Nürnberg. Zu Beginn im Jahr 2023 haben wir zwei Stunden am Tag trainiert und die Spieler waren danach völlig k.o. Bei unserem letzten Lehrgang haben wir bis zu neun Stunden am Tag Tischtennis trainiert. Mit professionellem Aufschlagtraining und gezielten Fitnessübungen, die für Para-Sportler extrem wichtig sind, orientieren wir uns da schon stark am Bundesstützpunkt in Düsseldorf.
Durch diese intensive gemeinsame Zeit trainieren die Sportler nicht nur härter, sondern wachsen auch menschlich als echtes Team zusammen. Bei den Deutschen Meisterschaften hat sich das phänomenal ausgezahlt: Die Spieler haben sich an den Tischen gegenseitig gecoacht und unterstützt, wenn wir Betreuer nicht überall gleichzeitig sein konnten. Das zeigt, wie reif die Gruppe inzwischen ist. Mein Credo war, erst eine Gruppe aufzubauen und daraus dann individuell die Athleten zu formen.
Bayern ist geografisch riesig. Wie löst ihr das Logistikproblem für die Spieler?
Lengerov: Aufgrund der enormen Entfernungen habe ich mich bewusst gegen ein einzelnes, zentrales Zentrum entschieden. Stattdessen haben wir ein dezentrales System mit Stützpunkten in ganz Bayern aufgebaut. Besonders wichtig ist hierbei Heilsbronn bei Nürnberg. Der dortige Abteilungsleiter leistet eine großartige Arbeit und koordiniert die Logistik mit der Halle und einem nahegelegenen Hotel, das perfekt barrierefrei für Rollstuhlfahrer optimiert ist.
Ein weiterer wichtiger Stützpunkt hat sich in Dachau etabliert, wo sich der Verein sofort geöffnet hat, um Para-TT zu fördern. Auch in Würzburg beziehungsweise Versbach haben wir hervorragende Bedingungen gefunden. Aus Versbach kommt übrigens mit Birgit Baumgartner eine unserer stärksten Spielerinnen, die bereits international im Fokus steht und den Sprung nach ganz oben schaffen kann. Ohne das ehrenamtliche Engagement dieser Vereine vor Ort wäre dieser Aufschwung unmöglich.
Welche Rolle spielt dabei der Regelsport und wie funktioniert das Zusammenspiel?
Lengerov: Der Regelsport spielt eine existenzielle Rolle. Viele Para-Sportler trainieren und spielen ganz normal in ihren Heimatvereinen, oft vier- bis fünfmal die Woche. Das ist die Basis. Bei unseren Lehrgängen profitieren wir enorm von den sogenannten AB-Sportlern (Allgemeine Behinderung). Diese haben leichtere Einschränkungen, sind international nicht klassifizierbar, bringen aber enormen Trainingsfleiß und Professionalität mit. Sie pushen das Niveau der gesamten Gruppe, wovon die Athleten mit schwereren Behinderungen (wie z. B. in der Wettkampfklasse WK 7), die im Alltag vielleicht nur zweimal pro Woche trainieren können, unglaublich profitieren.
Ein Paradebeispiel für gelungene Inklusion ist Florian Hartig, der im Bereich der intellektuellen Beeinträchtigung in Deutschland praktisch unschlagbar ist. Er ist voll integriert und hält problemlos mit Spielern aus dem Regelsport mit, die bis zu 2000 TTR-Punkte aufweisen. Dieses gemeinsame Niveau bringt alle Seiten weiter nach vorn.
Para-TT ist sehr individuell. Wie tragt ihr dieser Individualität Rechnung?
Lengerov: Indem wir versuchen, möglichst viel Fachwissen zu integrieren, sei es durch die Bundestrainer im Para-TT oder auch durch gezieltes Sparring. Eine Person, die ich erwähnen möchte: Daniel Arnold, selbst 2008 Paralympics Sieger in der WK6, unterstützt uns und die Athleten, gibt seine Erfahrungen weiter. Das ist unheimlich wertvoll.
Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen?
Lengerov: Ein solcher Erfolg wie neulich bei den Deutschen Meisterschaften ist kein Selbstläufer. Um das Fundament langfristig zu sichern, baue ich aktuell an den Stützpunkten gezielt Co-Trainer auf, um die Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen.
Die größte Baustelle ist momentan der Rollstuhlbereich (Wettkampfklassen 1 bis 5). Hier hat Bayern definitiv noch Nachholbedarf. Es gibt im gesamten Freistaat derzeit nur drei bis vier Vereine, die sich explizit als Behinderten- oder Rollstuhlsportvereine verstehen. Oft fehlt es in den normalen Vereinen an barrierefreier Infrastruktur, oder es gibt schlicht Berührungsängste und Unsicherheiten bei den Trainern im Umgang mit Rollstühlen. Dem steuern wir entgegen: Im Oktober planen wir in Puchheim einen Workshop speziell für Rollstuhl-Tischtennis, um Trainern das nötige Know-how und Vertrauen zu vermitteln. Die Praxis zeigt nämlich: Es ist oft viel unkomplizierter, als viele denken.
Gibt es bereits konkrete Zukunftsvisionen?
Lengerov: Ja, absolut. Eine große Vision von mir ist der Aufbau einer eigenen bayerischen Para-Liga, ähnlich wie wir es von den Senioren-Mannschaftsmeisterschaften kennen. Da immer mehr bayerische Vereine – wie Ansbach, Dachau, Beratzhausen oder Riedenburg – eigene Para-Gruppen integrieren, wird dieses Modell absolut realistisch.
Um den logistischen Aufwand für die Spieler gering zu halten, planen wir eine Aufteilung in regionale Vorrunden (Nord- und Süd-Staffel) und ein großes Final-Four-Turnier an einem einzigen Wochenende. Damit wären wir bundesweit Pioniere. Die flexiblen Strukturen im BTTV ermöglichen uns solche innovativen Wege – diese Dynamik müssen wir jetzt nutzen und mutig vorangehen.
Was hat dich persönlich in den vergangenen Jahren am meisten beeindruckt?
Lengerov: Ganz klar der gelebte Fair-Play-Gedanke. Der Respekt, mit dem die Sportlerinnen und Sportler untereinander umgehen, ist außergewöhnlich. Trotz schwerster Einschränkungen versuchen alle, den Sport maximal regelkonform, ehrlich und fair auszuüben.
Dazu kommt die Leidenschaft. Wenn man sieht, wie viel Energie, Zeit und Herzblut die Athleten in jede Trainingseinheit stecken, ist das für mich als Trainer eine unglaubliche Motivation. Diese Begeisterung in der Halle mitzuerleben und zu formen, ist etwas ganz Besonderes.
Zum Abschluss: Wie können Interessierte, Vereine oder Spieler Kontakt aufnehmen?
Lengerov: Ganz unkompliziert. Wer selbst Interesse hat, barrierefreie Trainingsmöglichkeiten sucht oder im Verein ein talentiertes Kind oder einen Spieler mit einer Behinderung betreut, kann sich jederzeit direkt bei mir melden. Oft sind es genau diese Hinweise von aufmerksamen Vereinstrainern, die uns helfen, Talente zu entdecken, sie in unser Stützpunktsystem zu integrieren und ihnen neue sportliche Perspektiven im Tischtennis zu eröffnen.
Kontakt: lengerov@bvs-bayern.com
Trifon, vielen Dank für das Gespräch!









