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Personal/Hintergrund  

Leben für den Sport

Reportage des Bayern-Magazins "51" über die Kader-Athleten Rinderer, Wetzel und Longhino / Zwischen Schule und Leistungssport

Erst Training, dann Hausaufgaben: Rinderer und Longhino im Fitnessraum des Sportinternats.

Der Artikel ist in der November-Ausgabe des Magazins des FC Bayern, "51", erschienen und wurde uns von der Redaktion dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. 
Text: Max Sprick
Fotos: Daniel Delang

"Leben für den Sport"

Niemals würde er sich das zu Hause trauen. Da ist ja seine Mutter, die mit strengen Blicken und wenig Worten klar machen würde: Wegräumen! In seinem Elternhaus hätte Daniel Rinderer die verschwitzten Trikots nicht über den Stuhl am Esstisch gehängt, zum „Auslüften“, wie er sagt. Was sie jetzt seit drei Tagen machen, bei geschlossenen Fenstern, natürlich. Rinderer sitzt also in seinen eigenen vier Wänden, und erzählt, wie das so ist, wenn man mit 14 Jahren von zu Hause auszieht, um seinen Traum zu verfolgen. Das Elternhaus und die Hygienevorschriften der Mutter sind in Ruhmannsfelden im Bayerischen Wald, nahe der tschechischen Grenze. Und seinen großen Traum, den Traum von Olympischen Spielen, lebt Rinderer nun hier im „Haus der Athleten“, einem Jugend- und Gästehaus in Milbertshofen: Etwa 20 Quadratmeter, kahle Wände, Einzelbett, Ess- und Schreibtisch, drei Stühle und eine Küchenzeile, in der sich Pfandflaschen stapeln. 

Rinderer, kurze dunkelblonde Haare, buschige Augenbrauen, ist mittlerweile 16 Jahre alt und der zweitbeste Tischtennis-Spieler Deutschlands in seinem Jahrgang. Er ist der erste Athlet seiner Sportart, den der FC Bayern nach München geholt hat. Gemeinsam will man Großes erreichen. 

Die Heimat in der Ferne

Auf einer Kommode am Fenster sammelt Rinderer Medaillen und Auszeichnungen. Zweiter und Dritter bei Deutschen Junioren-Meisterschaften ist er geworden, zwei Mal Erster im Doppel. Er hat Turniere in China gespielt, stand in ganz Europa an der Platte. Seit er zwölf Jahre alt ist, hat er einen individuellen Sponsor. „Mein Ziel ist ganz klar Olympia“, sagt er. Aber auch: „Ob ich wirklich Profi werde? Mal abwarten. Ich weiß, dass es noch ein weiter Weg dahin ist.“

Daniel ist nicht der einzige Tischtennis-Teenager, der im „Haus der Athleten“ an der großen Karriere arbeitet. Sein Kumpel und Teamkamerad Nico Longhino, ebenfalls 16 Jahre alt, ist vor drei Wochen aus Bad Aibling nach Milbertshofen gezogen. Zusammen mit Felix Wetzel, 16 Jahre, bilden sie ein hochtalentiertes Trio, das die ambitionierte Tischtennis-Abteilung des FCB über Jahre prägen könnte. 

Um 13 Uhr kommen Rinderer und Longhino aus der Schule und begutachten den aktuellen Wochen-Speiseplan, der im Erdgeschoss des Wohnheims in einem Glaskasten aushängt. „Schon wieder Reis“, sagt Longhino. Gestern mit Schaschlikspies, heute mit Gyrosfleisch und Tsatziki. Er fasst sich an die Stirn und starrt gespielt fassungslos auf den rot umrandeten Zettel. „Das Essen bei Mama war abwechslungsreicher.“

"Ich saß oft auf dem Zimmer und war alleine mit der Langeweile" (Daniel Rinderer)

Die Heimat der Jungs liegt viele Kilometer entfernt – und ist doch immer präsent. Rinderer zum Beispiel zögerte lange, sein Elternhaus für den Sport zu verlassen. Ein Jahr lang dachte er darüber nach. Als er sich dann entschieden hatte, war er zu alt, um in München die Eliteschule des Sports besuchen zu können. „Jetzt gehe ich auf ein normales Gymnasium und muss immer kämpfen, um für’s Training freigestellt zu werden“, sagt er. Als er seine Freunde verließ, weinte Daniel Rinderer. Und seine Freunde weinten auch. Im Wohnheim hatte er keinen leichten Start. Rinderer kannte in München niemanden, in der neuen Schule lief es auch nicht besonders. „Ich saß dann oft allein in meinem Zimmer und wusste nicht, was ich gegen meine Langeweile tun könnte”, sagt er. Mehr als einmal habe er darüber nachgedacht, aufzugeben, zurück nach Ruhmannsfelden zu ziehen. Aber dann dachte ich: „Jetzt habe ich mich schon verabschiedet, da muss es sich auch lohnen.” Auch seine Mutter versteht die Entscheidung: „Er hatte keine andere Wahl.“ In seiner Heimat fehlten Rinderer Sparringspartner und Trainer, „er hätte sich hier bei uns nicht weiterentwickelt.“ Inzwischen fühlt sich das Toptalent in München wohl, hat eine Freundin und keine Gedanken mehr ans Aufgeben. Rinderer trainiert jeden Tag. Für das große Ziel. 

"Ich will in jedem Training besser werden, gebe immer Vollgas" (Nico Longhino)

Als Neuling im Wohnheim hat Longhino, der seit fünf Jahren beim FC Bayern spielt, ein winziges Zimmer mit Etagenbad. „Mein Zimmer zu Hause war drei Mal größer“, sagt er. Er stellt aber auch klar: „Heimweh habe ich nicht.“ Hier habe er keinerlei Vorschriften seiner Eltern zu befolgen, kann am Abend mit neuen Freunden Playstation spielen und das selbstständige Leben ausprobieren. Vor allem aber: Longhino kann endlich trainieren, trainieren, trainieren. Er hat sich für den Umzug entschieden, weil er vom Sport- und Religionsunterricht befreit wurde. In diesen Fächern muss er zwar Klassenarbeiten mitschreiben, ansonsten aber darf er in der Tischtennishalle arbeiten. „Ich finde es super, trainieren zu können, während die anderen in die Schule müssen“, sagt Longhino. Natürlich vermisst er seine Freunde daheim, die nach Schulschluss in die Mangfall springen, während er in der Turnhalle steht. „Früher hat mich das mehr belastet“, sagt er. „Aber meine Eltern sagen immer: ‚Denk an deine Ziele!’ Das tröstet mich.“

Tischtennis ist für ihn mehr als ein Hobby. An der Platte kann er sich austoben, seine Reflexe testen und seine Kreativität ausleben. Er sagt: „Ich will in jedem Training besser werden, gebe immer Vollgas.“ Rinderer sagt: „Mich reizt, mich schon jetzt mit Erwachsenen zu messen - und zu gewinnen.” 

Latein und Top-Spin 

Im Wohnheim wird alles dafür getan, den Athleten den Fokus auf ihren Sport zu ermöglichen. Der Tag ist durchgetaktet: Um 6.30 Uhr bekommen die Bewohner ein Frühstücksbuffet. Dann: Schule. Lernen. Tests. Training für das Leben jenseits der Platte. Im „Haus der Athleten“ sorgt ein Küchenteam für Mittags- und Abendessen. Ernährungsvorgaben haben die Tischtennisspieler dabei zwar nicht, „aber unsere Trainer sehen es nicht gern, wenn wir uns mit Schokolade vollstopfen”, sagt Longhino. Würden sie aber auch von sich aus nicht tun. Niemals. Nach der Schule haben die Jungs Zeit für sich und Hausaufgaben, gegen 18 Uhr müssen sie los zum Training, quer durch die Stadt, mit Bus und U-Bahn zum Innsbrucker Ring.

Rinderer spielt in der ersten Herren-Mannschaft in der Regionalliga, Longhino in der zweiten Mannschaft, eine Liga darunter. Auf der Fahrt zum Training lernt Rinderer noch für einen Latein-Test am nächsten Tag. In der Halle angekommen, wärmen sich die beiden kurz auf, dann beginnt ihre Show: Sie spielen sich warm, das heißt sie feuern sich gegenseitig die Bälle so schnell zu, dass einem beim Hinschauen schwindelig wird. Vorhand, Rückhand, Vorhand, Rückhand. „Die beiden sind unserem Jugendtraining längst entwachsen”, sagt Matthias Stein, stellvertretender Abteilungsleiter Tischtennis beim FC Bayern. „Wenn keine geeigneten Trainingspartner aus den Herrenteams in der Halle sind, trainieren sie sich gegenseitig.” Beide Spieler wüssten genau, woran sie arbeiten müssen. 

Das erste Heimspiel 

Nur dieses eine Mal in der Woche trainieren Rinderer und Longhino beim FCB mit, die restlichen Einheiten absolvieren sie mit Stützpunkt-Trainern des Bayerischen Tischtennis-Verbands und weiteren Mitgliedern des Stützpunkt-Kaders. Eine davon ist Krisztina Toth, mehrfache Europameisterin und Olympiateilnehmerin aus Ungarn. Sie ist heute auch in die Halle gekommen und schaut den Jungs zu. „Daniel hat enorm von seinem Umzug nach München profitiert”, sagt Toth. „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass er sich so gut und schnell entwickelt.” Doch nun komme die schwere Phase für Rinderer, nun müsse er Kleinigkeiten optimieren, seine Rückhand, sein Passivspiel perfektionieren, um den nächsten Schritt zu machen. „Es ist schön, dass er den Traum von Olympia hat”, sagt Toth. „Ob er es auf dieses Niveau schafft, ist schwierig zu sagen. Die nächsten ein bis zwei Jahre werden dafür entscheidend.”

"Ich will zu einer Jugend-WM" (Felix Wetzel)

In dieser Zeit will Rinderer mit dem FC Bayern in die dritte Liga aufsteigen. Dabei helfen soll auch Felix Wetzel, das dritte Talent im Männerkader. Wetzel hat sich gegen einen Umzug nach München entschieden, weil er im Tischtenniscenter seines Vaters in Bad Aibling auf Top-Niveau trainieren kann. Und das mehrfach täglich. „Bis zu drei Mal”, sagt er. Nach seinem Schulabschluss im vergangenen Sommer setzt Wetzel nun voll auf den Sport. „Ich will zu einer Junioren-Europa- oder Weltmeisterschaft und den Sprung in den Herrenbereich schaffen.” Bislang läuft die Saison gut. Mitte Oktober gewann der FC Bayern das erste Heimspiel gegen den TSV Schwabhausen mit 9:0. Daniel Rinderer lag zunächst 0:2-Sätze zurück. Aber er kämpfte. Und gewann. Gegen die Erwachsenen. 

Schnell vergehen so die Tage im „Haus der Athleten“: Jeder Tag ein Schritt zum großen Ziel. Spät am Abend, nach dem Training, sitzen Rinderer und Longhino beim Abendessen in der Mensa. Mit den anderen Tischtennis-Spielern, die ebenfalls von ihrem Verein zurückgekehrt sind, unterhalten sie sich über die Jugend-Olympiade in Buenos Aires. Longhino stochert mit der Gabel auf seinem Teller rum. „Das Gyros ist ganz schön trocken”, sagt er. „Aber der Reis mit Tsatziki ist super.” Und dann? Es gibt eine Bar mit Billard- und Kickertischen im Keller, einen Fitnessraum und einen Freizeitraum. Eine Erzieherin ist 24 Stunden am Tag im Haus. Sie achtet auch auf die Nachtruhe, um 22 Uhr kontrolliert sie jedes Zimmer. Und wenn man nicht da ist? „Habe ich noch nie ausprobiert”, sagt Longhino. Rinderer antwortet lachend: „Ab halb elf rufen sie deine Eltern an.”

Daniel Rinderer
Geboren am: 16.02.2002
Beim FCB seit: September 2016
Lieblingsmove: Abstecher sowohl mit Vor-, als auch mit Rückhand
Lieblingsmusik: Rap und Pop

Nico Longhino
Geboren am: 09.12.2002
Beim FCB seit: Sommer 2013
Lieblingsmove: Vorhand-Topspin
Lieblingsmusik: Deutschrap
Vorbilder: Hugo Calderano und Kristian Karlsson

Felix Wetzel
Geboren am: 07.08.2002
Beim FCB seit: Sommer 2018
Lieblingsmove: Rollomat
Lieblingsmusik: Rap und Pop
Vorbilder: Sein Vater Thomas und Zhang Jike

Daniel Rinderer und Nico Longhino trainieren im Leistungszentrum (LZ) in München. Mehr Informationen dazu gibt es hier. Weil der BTTV keine eigene Halle für den Bundesstützpunkt hat, sind die LZ-Mitglieder und -Trainer auf Kooperations-Vereine und -Stützpunkte angewiesen. Dies ist mit einem enormen organisatorischen und logistischen Aufwand verbunden. Auch deshalb strebt der BTTV in Zukunft ein eigenes TT-Zentrum an.

Informationen dazu und Spendenmöglichkeit 

Ohne Mama: Nico Longhino und Daniel Rinderer müssen sich selbst um die Wäsche kümmern. Das klappt mal mehr und mal weniger gut.
Nico Longhino in seinem Zimmer im Haus der Athleten
Ein bisschen Freizeit: Im Wohnheim gibt es auch einen Billardtisch und einen Fitnessraum.
Daniel Rinderer im Internat
Schläger-Check von Nico Longhino
Hier werden die Schläger präpariert
Wasserflaschen-Sammlung im Zimmer
Wildes Spiel: Die Talente, so stellv. Abteilungsleiter Matthias Stein, „sind unserem Training entwachsen.“
Nico Longhino spielt aktuell im Oberliga-Team des FCB
Kurzer Moment der Ruhe: Daniel Rinderer und Nico Longhino auf dem Weg vom Training ins Wohnheim.
Das letzte Spiel des Tages findet natürlich auf der Playstation statt – aber um 22 Uhr ist schon Nachtruhe.
Heimtraining: FCB-Talent Felix Wetzel (hinten) trainiert im Tischtennis-Center seines Vaters in Bad Aibling.
Felix Wetzel

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