Der gebürtige Peißenberger Philipp Floritz gehörte einst zu den besten Jugendlichen Deutschlands, war 2009 Vize-Europameister und Vize-Weltmeister bei der Team-WM, gehörte einige Jahre der Herren-Nationalmannschaft an. Mittlerweile steht das eigene Spielen nicht mehr im Hauptfokus. Der Wahl-Bremer Floritz ist mit seiner eigenen Tischtennis-Akademie erfolgreich und tritt in der 2. Bundesliga für den Oldenburger TB an. Wir haben den 33-Jährigen zum „BTTV-Talk“ getroffen.
Würdest du dich heute eher als Spieler oder als Trainer bezeichnen?
Philipp Floritz: Trainer! Definitiv. Das heißt aber nicht, dass mir das selbst spielen keinen Spaß macht - ganz im Gegenteil! Ich genieße es zu trainieren, so wie andere nach der Arbeit laufen gehen oder ins Gym. Aber die Hauptpriorität liegt mittlerweile auf meiner TT-Akademie. Ich bin allein 20-25 Wochenenden pro Jahr deutschlandweit mit Lehrgängen unterwegs. Deswegen habe ich bei Oldenburg auch nur einen Vertrag über eine bestimmte Anzahl an Spielen. Wenn ich spiele, will ich gewinnen, gebe immer Vollgas.
Du hast ja relativ früh angefangen, dir mit deiner TT-Schule ein weiteres Standbein aufzubauen.
Floritz: Es ist ganz interessant: Rückblickend habe ich vielleicht schon unterbewusst in der Kindheit den Grundstein gelegt. Ich hatte ein Notizheft, in das ich Aufzeichnungen von Trainern gemacht habe oder Notizen über andere Spieler und Training. Jedenfalls war ich in meiner Karriere irgendwann an einem Punkt, wo ich mich gefragt habe, wie es weitergehen soll. Das muss man ja auch klar unter dem wirtschaftlichen Aspekt sehen. Versuche ich es noch mal als Spieler? Und wie weit komme ich damit? Die Weltspitze wäre sicher nicht realistisch gewesen, also habe ich überlegt, was die Alternative sein kann.
Und wie bist du letztlich gestartet?
Floritz: Es fing mal an mit einem Showkampf und einem Training in einem Verein. Da habe ich gemerkt, dass mir das sehr viel Spaß macht. So richtig ging es dann während Corona los, als nichts möglich war. Da habe ich dann den Grundstein gelegt, mir klare Ziele gesetzt, eine Homepage aufgebaut etc.
Hast du deine Ziele bisher erreicht?
Floritz: Definitiv, ich bin voll im Soll. Ich hatte damals eine klare Idee, wie sich Tischtennis entwickeln sollte – spielerisch wie auch marketingtechnisch. Mit Butterfly habe ich den Top-Partner im Rücken, um gemeinsam Tischtennis, v. a. in Deutschland, weiterzuentwickeln und nach vorne zu bringen.
Mein Credo: Stärken stärken!
Du hast mit deiner Akademie eine beachtliche Reichweite in den Sozialen Netzwerken aufgebaut. Auf deinem YouTube Kanal steht der Slogan: „Rethink Table Tennis“. Was ist deine persönliche Herangehensweise an Training und was unterscheidet dich ggf. von anderen?
Floritz: Grundsätzlich habe ich durch meine Profikarriere einige Dinge reflektiert. Ich verfolge das Credo, immer die Stärken zu stärken. Aus einem introvertierten mache ich keinen extrovertierten Menschen. Es geht darum, individuell das Bestmögliche herauszuholen. Ich denke, dass die individuelle Betreuung essenziell ist. Man sieht es auch im Topsport, bei den Lebruns, Moregard, den Asiaten: Die haben Personen an ihrer Seite, die sich jahrelang mit ihnen und ihrem Spiel auseinandergesetzt haben und sie fördern.
Wie kriegst du das in deiner Akademie hin?
Floritz: Es ist natürlich immer wünschenswert, wenn man Spieler über einen längeren Zeitraum begleiten kann, das mache ich in Oldenburg/Bremen auch, zum Beispiel mit jungen Kaderspielern. Bei den Lehrgängen versuche ich aber auch, so gut es geht individuell auf die Teilnehmer einzugehen. Ich möchte vermitteln, wie wichtig es ist, Tischtennis zu verstehen und daraus einen Mehrwert zu ziehen. Wie kann ich mir Spin, Flugkurven, Platzierungen zunutze machen? Wie baue ich ein für mich passendes Spielsystem auf, das funktioniert? Da gibt es während den Lehrgängen schon Aha-Momente. Aber das reicht nicht, ich sage auch immer den Teilnehmern: Man muss trainieren. Viele Wiederholungen, es ist harte Arbeit.
Platzierung, Tempo, Länge, Taktik im Allgemeinen: Das ist das, was du auch in deinem eigenen Spiel zunutze machst.
Floritz: Neulich habe ich gegen Wim Verdonschot gespielt und zwei Sätze lang nicht den Hauch einer Chance gehabt. Das Tempo war zu hoch und ich habe lange gebraucht, um mich taktisch "reinfuchsen" zu können. Rhythmuswechsel, Tempowechsel, Täuschung und Platzierung bestimmen das heutige Spiel enorm – das geht beim Aufschlag und Rückschlag los. Mit diesen taktischen Mitteln habe ich das Spiel fast noch drehen können. Es ist da schon viel möglich.
Da geht mir das Herz auf.
Sind es die Aha-Momente, die dich als Trainer dann auch motivieren?
Floritz: Wenn wir mit Jugendlichen etwa über Spielwege geredet und diese längere Zeit trainiert haben und im Wettkampf klappt es, dann geht mir an der Bande das Herz auf.
Der Sport heute ist gefühlt superschnell, athletisch, bei dir hat man als Trainer und Spieler den Eindruck, dass du gerne Kontrolle vermittelst, mehr Wert auf Platzierung und Kreativität legst. Inwieweit hat sich der Sport und der Topsport verändert?
Floritz: Der Sport ist viel kompakter geworden. Egal in welches Land man schaut, die Basis der Ausbildung ist deutlich besser als noch vor 30 Jahren. Die Spieler sind alle sehr komplett und doch gibt es starke Unterschiede, zum Beispiel zwischen einem Calderano, einem Moregard oder den Lebruns. Das Spiel ist allgemein schneller und wird über den Gegenspin aufgebaut, das ist mittlerweile der effektivste Schlag. Heute sind die Spiele offener. Dass jemand eine schwache Seite hat, gibt es fast gar nicht mehr.
Welche Trainer haben dich am meisten geprägt?
Floritz: Der damalige Jungen-Bundestrainer Istvan Korpa zum Beispiel. Er hat mich auch gefördert, dass ich international spielen konnte. Richard Prause war offen für das kreativere Spiel und hat das sehr unterstützt. Und ein Name, den hierzulande kaum jemand kennt, ist Dubravko Skoric, der in Ochsenhausen mal Trainer war und mit Charlerois fünfmal die Champions League gewann. Das ist ein absoluter Fachmann, sehr akribisch, sehr detailverliebt. Viele Dinge, die er mir vermittelt hat, spiegeln sich in meinem Training wider. Gerade unter Spielern, zum Beispiel auch Dima Ovtcharov, hat er einen sehr guten Ruf. In dem Topsport kann ein guter Trainer sehr helfen, aber auch Dinge verbauen, was ich leider auch erlebt habe.
Auch wenn du mittlerweile mehr Trainer bist, spielst du noch in der 2. Liga in Oldenburg, teilweise im oberen Paarkreuz, wo sich einige Profis tummeln. Wie gehst du damit um?
Floritz: Ich kann mich noch an die Zeiten der 6er Teams erinnern, das war überhaupt kein Vergleich. Heute hast du da auch viele Spieler aus Asien drin, das Niveau ist schon sehr hoch und wird tendenziell noch besser. Ich halte mich vor allem während der Saison immer fit – trainiere 2-3-mal pro Woche selbst in der Trainingsgruppe von Werder Bremen und gehe 1-2-mal pro Woche ins Gym. Ansonsten habe ich den Schläger sowieso jeden Tag in der Hand.
Was war rückblickend für dich dein Karriere-Highlight?
Floritz: Also der Sieg 2012 im Pokal mit Plüderhausen gegen Waldner (Fulda) gehört schon dazu. Er war mein Kindheitsidol und wenn du dann gegen dein eigenes Idol gewinnst, ist das sehr besonders. Auch der Vize-Europameistertitel in der Jugend, als ich dann stärker auf dem Radar war. Ich habe Länderspiele gemacht, war fünf Jahre im „inner circle“ der Nationalmannschaft, durfte Timo mit auf die WM 2011 vorbereiten. Und für mich persönlich sind auch die kleinen Erfolge wichtig. Wenn man ein Jahr versucht, technisch etwas umzustellen oder an etwas zu arbeiten und es klappt dann.
Wenn du gegen dein eigenes Idol gewinnst, ist das sehr besonders.
Du hattest in deiner Karriere ungewöhnliche Schritte. 2014 bist du als 22-Jähriger damals von der 1. Liga in die Oberliga nach Ansbach gewechselt und ab 2015 bist du international für Bulgarien gestartet. Damals war Olympia auch ein Thema. Nimm uns mal mit in die Zeit, wie gings dir damals, was waren deine Beweggründe für diese Schritte?
Floritz: Ich hatte 2013/2014 im Einzel und Team mit Fulda sehr gute Ergebnisse in der Bundesliga – leider hatten diese nicht gereicht, um meinen Kaderplatz in der Herrennationalmannschaft zu behaupten. Nach geraumer Zeit kam ein Kontakt mit dem damaligen bulgarischen Sportminister zustande, der mir ermöglicht hat, alle internationalen Turniere spielen zu können – im Hinterkopf war da natürlich immer eine Teilnahme an den Olympischen Spielen. Ich habe sehr lange darüber nachgedacht und mich letztendlich dazu entschieden, weil die Gespräche sehr gut verliefen. Dadurch konnte ich mich auf die internationalen Turniere fokussieren und ergänzend in Ansbach in der Oberliga spielen. Heutzutage ist es keine Seltenheit mehr, den Ligabetrieb in den Hintergrund zu stellen. Leider hat sich das Ganze zerschlagen – der Sportminister war nach zwei Jahren wegen Korruption nicht mehr da, ich glaube mein Antrag für den bulgarischen Pass liegt noch heute in irgendeiner Schublade.
Was hätte der Philipp mit dem Wissen von heute dem Phillipp von damals mit auf den Weg gegeben?
Floritz: Das ist eine super Frage. Ich denke, im Laufe einer Karriere trifft man viele Tatsachenentscheidungen. Und im Nachhinein weiß man immer, ob es funktioniert hat oder nicht. Wichtig ist, dass man jeden Tag aufsteht, weiter macht und an seine Ziele glaubt, da Sieg und Niederlage im Kopf beginnen. Spielerisch hätte ich das kreative Spiel weiter gefördert, deutlich individueller trainiert und in jungen Jahren mehr im Aufschlag- und Rückschlagbereich arbeiten müssen.
2019 hast du noch mal German Open gespielt, zuvor auch noch mal gegen Truls Moregard international, mit 2:4 verloren. Wie blickst du heute auf deine Karriere zurück?
Floritz: Hätte mir jemand als Siebenjähriger diese Karriere hingelegt, hätte ich sofort unterschrieben. Im Nachgang könnte man sagen, er hat nicht die Top 50 der Welt erreicht. Was ich sagen will: Mehr geht immer. Ich bin zufrieden, was ich erreicht habe und auch dankbar, was mir Tischtennis gegeben hat und vor allem heute gibt.
Findet noch der Austausch mit anderen Profis und Weggefährten statt?
Floritz: Ja, mit Lars Hielscher (Herren-Assistenztrainer) habe ich guten Kontakt, wir philosophieren oft über Tischtennis. Mit Dima, Patrick Franziska oder auch Ruwen Filus, der in meinen Videos vorkommt, gibt es auch immer mal Austausch.
Das ist einfach das, was ich kann und was mir Spaß macht ...
Was treibt dich heute als Trainer an?
Floritz: Das ist einfach das, was ich kann und was mir Spaß macht, Fähigkeiten weiterzugeben, Spielerinnen und Spieler zu unterstützen, jeden Tag besser zu werden. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, davon träumen die meisten. Ich habe dadurch das Privileg, immer mit einem Lächeln an die Arbeit zu gehen und mit einem Lächeln wieder nach Hause zu kommen. Meistens zumindest (schmunzelt).
Du bist auch in der Sportentwicklung unterwegs.
Floritz: Im Dezember bin ich eine Woche in Teneriffa mit einer Ping Pong Parkinson Gruppe. Und in Sansibar/Tansania haben wir, gemeinsam mit Jan Schmauder, ein Projekt, bei dem wir Kinder und Jugendlichen Tischtennis-Training ermöglichen. Ich war schon dreimal dort, das erdet sehr. Die Bedingungen vor Ort kann man sich nicht vorstellen – Hallen, Equipment, Sportschuhe, Fehlanzeige! Dies wird sich aber zukünftig ändern, da wir dort gemeinsam mit der Unterstützung von Spenden und Butterfly eine neue Halle eröffnen, um die Entwicklung der Kinder zu fördern. Wenn es ein Kind von Sansibar eines Tages zu den Olympischen Spielen schaffen würde, wäre das der Traum schlechthin. Wir würden uns riesig freuen, wenn die Tischtennis-Community zusammenhält und ihr Teil des Projekts werdet.
Hier kann man das Projekt unterstützen:
https://www.goodcrowd.org/tischtennis-fuer-sansibar-sport-schenkt-hoffnung2025
Philipp, vielen Dank für das Gespräch!












