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Personal/Hintergrund  

"Was sind wir für eine geile Sportart"

BTTV-Talk mit Doris Simon-Keller / Gesundheitssport-Expertin leitet in Königsbrunn die PPP-Fortbildung

Vom Leistungs- zum Gesundheits- und Präventionssport: Doris Simon-Keller

PingPongParkinson zeigt eindrucksvoll, was Tischtennis bewirken kann – für Menschen mit Parkinson, für Vereine und für unseren Sport insgesamt. Doris Simon, ehemalige Nationalspielerin und ausgewiesene Expertin im Gesundheits- und Präventionssport, spricht im BTTV-Talk über die besondere Wirkung von Tischtennis bei Parkinson, emotionale Erfahrungen aus der Praxis und die Chancen für Vereine. Im Mittelpunkt steht dabei auch die PingPongParkinson-Fortbildung am 16. und 17. Mai in Königsbrunn (bereits ausgebucht!), wo die Übungsleitern das nötige Wissen und die Sicherheit für dieses besondere Angebot vermittelt.

Doris, du bist seit vielen Jahren im organisierten Sport unterwegs, hast einen starken Bezug zum Tischtennis und bist vor allem im Gesundheits- und Präventionssport eine feste Größe. Bevor wir inhaltlich einsteigen: Wie sieht dein sportlicher und beruflicher Weg eigentlich aus?
Doris Simon-Keller:
Ich komme ursprünglich aus dem Leistungssport. Ich war sehr früh im Tischtennis unterwegs, mit elf Jahren in der Schüler‑Nationalmannschaft, später Bundesligaspielerin. Tischtennis war lange Zeit mein Lebensmittelpunkt. Parallel dazu habe ich eine Ausbildung zur Bankfachwirtin gemacht und zunächst in der Wirtschaft gearbeitet. Nach der Geburt meiner Kinder hat sich mein Weg dann zunehmend in Richtung Sport entwickelt – erst als Trainerin, später auch über eine Coaching‑Ausbildung und verschiedene Qualifizierungen im Bereich Vereins‑ und Organisationsentwicklung.

Ein entscheidender Einschnitt war eine schwere Verletzung: Mit Anfang 30 wurden bei mir drei Bandscheibenvorfälle an der Halswirbelsäule diagnostiziert. Von einem Tag auf den anderen war Leistungssport nicht mehr möglich. Das war emotional extrem hart, weil Tischtennis mein Leben geprägt hatte. Gleichzeitig war das aber auch der Moment, in dem ich angefangen habe, mich intensiv mit Gesundheit, Prävention, Training und Ernährung auseinanderzusetzen – zunächst für mich selbst, später auch für andere.

Vom Leistungssport zum Gesundheitssport

Viele ehemalige Leistungssportler bleiben dennoch eher dem Wettkampfsport eng verbunden. Du hast dich sehr klar in Richtung Gesundheitssport entwickelt.
Simon-Keller: Das hatte viel mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Im Nachhinein weiß ich, dass meine Verletzungen nicht einfach Pech waren, sondern auch mit Fehlbelastungen und mangelnder Ausgleichsarbeit zu tun hatten. Das hat in mir den Wunsch geweckt, junge Spielerinnen und Spieler davor zu bewahren, ähnliche Erfahrungen zu machen.

Im TTVN bin ich damals gefragt worden, ob ich als Referentin in der Trainerausbildung arbeiten möchte. Zunächst mit den Themen Ernährung und allgemeines Fitnesstraining, später immer stärker im Bereich Prävention und Gesundheitssport. Gemeinsam mit anderen – unter anderem mit dem heutigen Geschäftsführer Markus Söhngen – sind dann Konzepte entstanden, die Kräftigung, Ausdauer, Koordination und Entspannung miteinander verbinden. So bin ich Schritt für Schritt in diesen Bereich hineingewachsen.

Heute arbeite ich bundesweit für verschiedene Landessportbünde im Vereinsmanagement und Qualifizierungsformaten. Mein Herzblutthema ist der Gesundheitssport – und dort insbesondere die Frage, wie Tischtennis einen echten Mehrwert für Menschen und Vereine schaffen kann.

PingPongParkinson – Tischtennis als Therapiebaustein mit besonderer Wirkung

Ein zentrales Thema deiner aktuellen Arbeit ist PingPongParkinson. Du bietest im Mai eine Fortbildung in Bayern an, die sehr schnell ausgebucht war. Warum hat dieses Thema für dich – und für den Tischtennissport insgesamt – eine so große Bedeutung?
Simon-Keller: PingPongParkinson ist für mich eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür, welche Wirkung Tischtennis entfalten kann. Wir reden hier nicht über eine nette Zusatzidee, sondern über einen Sport, der nachweislich Symptome einer neurodegenerativen Erkrankung positiv beeinflussen kann. Das ist außergewöhnlich.

Parkinson ist geprägt durch Bewegungsarmut, Verlangsamung, Gleichgewichtsprobleme und kognitive Einschränkungen. Tischtennis wirkt genau an diesen Punkten: schnelle Reizverarbeitung, Hand-Auge-Koordination, Rhythmus, Bewegung, Denken – alles gleichzeitig. Diese Kombination findet man in kaum einer anderen Sportart. Professor Dr. Ulrich Wöllner, Direktor einer neurodegenerativen Spezialklinik in Bonn, hat sinngemäß gesagt: „Ich glaube, dass mit Tischtennis als Sport ein ganz großer Fortschritt in der Behandlung der Symptome unserer Parkinson-Patienten erzielt wird.“ Wenn man so etwas aus ärztlicher Sicht hört, bekommt man Gänsehaut – und gleichzeitig eine große Verantwortung.

Warum PingPongParkinson für Betroffene so wertvoll ist

Was bedeutet das konkret für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer?
Simon-Keller:
Für viele ist PingPongParkinson ein Wendepunkt. Die Erkrankung schreitet fort, Medikamente wie L-Dopa sind seit Jahrzehnten Standard, echte Durchbrüche sind selten. Tischtennis kann den Krankheitsverlauf nicht heilen, aber es kann ihn verlangsamen – und vor allem Lebensqualität zurückgeben.

Was erleben die Betroffenen im Training?
Simon-Keller:
Viele Betroffene erleben im Training Momente, in denen plötzlich wieder etwas funktioniert: flüssigere Bewegungen, mehr Stabilität, mehr Selbstvertrauen. Der Ballwechsel, das Klickgeräusch des Balles, der Rhythmus – all das setzt Reize im Gehirn, die Bewegung wieder erleichtern können.

Ein ganz entscheidender Aspekt ist auch das sogenannte Dual-Task-Training: Denken und Bewegen gleichzeitig. Das ist für Menschen mit Parkinson extrem herausfordernd, aber genau deshalb so wirksam. Tischtennis bietet dafür einen natürlichen Rahmen, ohne dass es sich wie Therapie anfühlt.

Inhalte und Schwerpunkte der PPP-Fortbildung

Was lernen die Teilnehmer der Fortbildung – und warum ist diese Qualifizierung so wichtig?
Simon-Keller:
Viele Trainer gehen mit großem Respekt an das Thema heran – teilweise auch mit Unsicherheit. Genau da setzt die Fortbildung an. Wir vermitteln nicht nur Übungen, sondern vor allem Verständnis: Was passiert bei Parkinson im Körper? Welche Einschränkungen gibt es? Worauf muss ich achten?

Was können die Teilnehmer noch erwarten?
Simon-Keller:
Die Fortbildung ist auf zwei Tage angelegt und verbindet Theorie und Praxis. Wir vermitteln medizinische und sportwissenschaftliche Grundlagen, sprechen über aktuelle Forschungsergebnisse und gehen sehr konkret auf Trainingsgestaltung ein.

Ein wichtiger Punkt ist das koordinative Training. Tischtennis lebt davon – und gerade für Menschen mit Parkinson ist das enorm wertvoll. Dazu kommen Gleichgewichtsübungen, Kräftigung zur Sturzprophylaxe und viele praktische Beispiele, wie Training sicher organisiert werden kann.

Besonders wichtig ist uns auch die Haltung: Es geht nicht um Leistung oder Wettkampf im klassischen Sinne, sondern um „fördern und fordern“. Jeder bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit. Tischtennis bietet hier die Möglichkeit, sehr individuell zu arbeiten.

Gleichzeitig zeigen wir aber auch, wie technische Grundlagen vermittelt werden können. Denn PingPongParkinson lebt vom Mitmachen – bis hin zu Turnieren und Weltmeisterschaften. Das Erfolgserlebnis spielt eine große Rolle.

Gemeinschaft, Partner und emotionale Wirkung

Du betonst den sozialen Aspekt von PingPongParkinson. Welche Rolle spielt die Gemeinschaft?
Simon-Keller:
Eine sehr große. Wer schon mal da war, wird mich bestätigen: In den Gruppen entsteht ein unglaublicher Spirit. Viele Betroffene erleben durch die Erkrankung eine gewisse Isolation. Im Tischtennis sind sie Teil einer Gemeinschaft, begegnen sich auf Augenhöhe – oft gemeinsam mit ihren Partnerinnen oder Partnern.

Das haben wir auch in anderen Projekten gesehen, etwa bei „Sport bewegt Menschen mit Demenz“. Wenn Erkrankte und Nicht‑Erkrankte gemeinsam Sport treiben, brechen Rollen auf. Auf einmal ist nicht mehr klar, wer „der Kranke“ ist. Das ist emotional unglaublich wertvoll.

Ich habe selbst eine Gruppe am Bodensee mit aufgebaut. Dort spielen teilweise Paare miteinander, bei denen einer stark eingeschränkt ist. Durch die Unterstützung des Partners wird Training überhaupt erst möglich. Gleichzeitig entsteht Raum für Austausch, Entlastung und neue Lebensqualität – für beide Seiten.

Chancen für Vereine und den Tischtennissport

Wenn man sich PingPongParkinson anschaut, aber auch deine Arbeit im Präventions- und Gesundheitssport insgesamt – dann zeigt sich, wie viele Zielgruppen Tischtennis erreichen kann. Was macht diese Sportart aus deiner Sicht so besonders?
Simon-Keller:
Wenn ich mir alle Zielgruppen vor Augen führe – PingPongParkinson, Prävention, Kinder, Senioren, Freizeit- und Wettkampfsport – dann denke ich manchmal wirklich: Was sind wir für eine geile Sportart.

Tischtennis kann Menschen ein Leben lang begleiten. Wir haben Kinder, die wir über Bewegung und Koordination abholen, Erwachsene, die im Freizeitsport eine neue sportliche Heimat finden, und Senioren bis 90 plus, die noch aktiv am Tisch stehen. Dieses Thema Longevity – also möglichst lange mobil, geistig fit und selbstständig zu bleiben – bedienen wir wie kaum eine andere Sportart.

Dazu kommt, dass Menschen mit völlig unterschiedlichem Leistungsniveau miteinander spielen können. Generationenübergreifend, als Paar, als Gruppe. Das ist etwas, was im Sport extrem selten ist – und genau darin liegt unsere große Stärke.

Welche Chancen bieten solche Konzepte für Vereine?
Simon-Keller:
Enorme Chancen. Tischtennis ist viel mehr als Wettkampfsport. Natürlich ist der Leistungssport wichtig, aber daneben gibt es viele Zielgruppen, die wir erreichen können: Kinder mit Bewegungsmangel, Freizeitsportler, Menschen 50 plus, Menschen mit chronischen Erkrankungen.

Mit Konzepten wie „FiTTer Kids“, „FiTTer 50 plus“ oder PingPongParkinson können Vereine neue Angebote schaffen, zusätzliche Mitglieder gewinnen und gesellschaftlich relevante Arbeit leisten. Gleichzeitig gibt es auch finanzielle Effekte für die Vereine.

Zum Abschluss: Was wünschst du dir für die Zukunft von PingPongParkinson und dem Tischtennissport insgesamt?
Simon-Keller:
Ich wünsche mir, dass wir den Mut haben, unseren Sport weiterzudenken. Tischtennis hat ein enormes gesundheitliches, soziales und emotionales Potenzial. Wenn wir das nutzen, können wir Menschen Lebensqualität schenken – und gleichzeitig unsere Vereine stärken. Für mich ist es jedes Mal erfüllend zu sehen, wenn Menschen merken: „Da geht wieder etwas.“ Genau dafür lohnt sich diese Arbeit.

Doris, vielen Dank für das Gespräch!

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