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Personal/Hintergrund  

"Leistungssport ist zu negativ besetzt"

Verbandstrainerin und A-Lizenz-Inhaberin Andrea Voigt spricht im "BTTV-Talk" über ihre Arbeit, die Vorzüge von Leistungssport, den Talentbegriff und die Bedeutung der Eltern

Andrea Voigt ist seit 2022 die zuständige Verbandstrainerin für den Bereich Sichtung. (Foto: Jürgen Renner, Grafik: Barbara Jungbauer)

Seit knapp drei Jahren ist Andrea Voigt als Verbandstrainerin für Talentsichtung tätig. Im „BTTV-Talk“ spricht über ihre Arbeit, eine veränderte Strategie, den Talentbegriff und plädiert dafür, dass der Begriff Leistungssport wieder positiver besetzt ist.

Andrea, du bist für die Talentsichtung in Bayern zuständig, warum wird die Sichtung immer wichtiger?
Andrea Voigt:
Das Leistungssportsystem im DTTB und generell im DOSB fordert es, dass die Kinder immer früher gesichtet werden. Ein zehnjähriges Kind wird heutzutage gar nicht mehr gesichtet, es muss in dem Alter einfach schon gut sein. Wichtig ist dabei zu betonen, dass wir von Leistungssport sprechen.

Sollten Kinder denn so früh an Leistungssport herangeführt werden?
Voigt:
Wenn sie in einer Sportart gut werden wollen, dann durchaus. Ich finde, dass der Begriff Leistungssport viel zu negativ besetzt ist. Wir müssen dahin kommen, wieder das Positive herauszustellen. Natürlich kann nicht jeder ein Timo Boll werden, aber es gibt trotzdem viele Vorteile einer leistungssportlichen Ausbildung.

Die da wären?
Voigt:
Die Kinder haben oft eine hohe Lernbereitschaft und Zielstrebigkeit, das bringt ihnen auch etwas für ihr Schul- und späteres Berufsleben. Durchhaltevermögen und auch mit Rückschlägen klarzukommen sollte man nicht vergessen. Außerdem entstehen oft langjährige Freundschaften in den Trainingsgruppen. Das darf man nicht unterschätzen.

Also sollte eine Sechsjährige gleich mehrmals pro Woche Tischtennis spielen?
Voigt:
Wenn das Kind Freude hat an dem, was es tut, warum nicht. Ich bin froh, wenn die Kinder generell viel Sport machen, das können auch mehrere Sportarten parallel sein. Ich bin eine Verfechterin davon, die Kinder so viel wie möglich ausprobieren zu lassen. Leider gibt es in Bayern zu wenige Kindersportschulen.

Aber es wäre schon schön, wenn Sie nachher beim Tischtennis landen :-).
Voigt:
Ja, aus unserer Sicht schon. In meiner Arbeit geht es allerdings in erster Linie um den Leistungssport, und da müssen vor allem sechs Faktoren zutreffen, wenn wir von Leistungssport bzw. von einem Talentbegriff sprechen.

Welche denn?
Voigt:
Das Kind sollte zwischen 5 und 8 Jahre alt sein, maximal 9. Es muss gewisse körperliche Fähigkeiten mitbringen, insbesondere die Freude an Bewegung, die Fähigkeit von schnellem Lernen von Bewegungen. Und es sollte gewisse psychische Fähigkeiten aufweisen, zum Beispiel Konzentrationsfähigkeit, Bereitwilligkeit sich anzustrengen, Freude am Lernen, am sich messen, Durchhaltevermögen usw. Und natürlich sollten gewisse Tischtennis-spezifische Fähigkeiten vorhanden sein, wobei ich den Punkt gar nicht so hoch hängen möchte. Ein wenig Ballgefühl ist aber schon wichtig.

Da fehlen noch zwei Punkte.
Voigt:
Auch wenn sich das zunächst hart anhört, gewisse geografische Voraussetzungen in punkto Wohnort müssen auch stimmen, damit ein Kind im Leistungssport gefördert werden kann. Mit der wichtigste Punkt, und das hat sich in meiner Arbeit in den vergangenen Jahren stärker herauskristallisiert, sind die familiären Voraussetzungen, also: Haben oder entwickeln die Eltern ein Verständnis für den Leistungssport? Macht das Umfeld mit? Kann die Schule gut bewältigt werden?

Die Eltern spielen eine so wichtige Rolle, wenn es um Leistungssport geht?
Voigt:
Ja, die Eltern sind ein ganz elementarer Baustein. Wir müssen es als Trainer auch schaffen, besser zu kommunizieren, was Leistungssport bedeutet, was auf die Eltern zukommt, sie besser mitnehmen und auch stärker einbinden. Denn ohne die Eltern wird es nicht funktionieren.

Wie gehst du bei der Sichtung in Bayern vor?
Voigt:
Wir haben festgestellt, dass die Sichtung rein über die Vereine sich als schwierig gestaltet. Die Vereine haben in der Mehrzahl einfach einen eher breitensportlichen Ansatz, was völlig okay ist. Tischtennis ist eine sehr komplexe, fordernde Sportart. Und wenn wir von Leistungssport sprechen, besonders trainingsintensiv. Oft ist es auch so, dass z. B. die Eltern gar nicht wissen, was Leistungssport heißt, das besprechen wir dann mit ihnen. Im Sichtungsteam teilen wir uns Bayern geografisch auf und besuchen vor allem Turniere. Dann laden wir gezielt Kinder zu Tageslehrgängen oder einen Tag zum Verbandslehrgang ein. Ein weiterer Ansatz, der Erfolg hatte, war, einen Eltern/Geschwisterkindertag durchzuführen mit Kindern von Eltern, die Tischtennis gespielt haben oder deren ältere Geschwister spielen, also wo die Familie schon eine Berührung mit Tischtennis hatte. Das hat gut funktioniert.

Was passiert, wenn ihr Kinder gesichtet habt?
Voigt: Wenn wir Kinder finden, versuchen wir die Kinder in unsere Stützpunkte zu integrieren und/oder in Kleingruppen zusammenzuführen, damit sie an verschiedenen Orten trainieren. Im besten Fall wird jeden Tag an einem anderen Ort trainiert und die Fahrten für alle etwas minimiert.

Wie gelangt ihr noch zu Kindern?
Voigt:
Der Bereich Sichtung hat sich mittlerweile schon gut herumgesprochen, wir kriegen Hinweise von Personen im Verband, von Trainern etc., die sagen: ‚Schau dir doch mal dieses Kind an.‘ Dann setzen wir alle Hebel in Bewegung und kommen mal zum Training vorbei. Das hat schon gut funktioniert und ich rufe gerne alle auf, mit mir Kontakt aufzunehmen, wenn jemandem ein Kind auffällt.

Was ist noch für eine gute Sichtung entscheidend?
Voigt:
Ich plädiere dafür, noch mehr junge Trainerinnern und Trainer aufzubauen für den Bereich, sie frühzeitig heranzuführen. Sowohl was das Tischtennis-spezifische angeht als auch den Umgang mit den Eltern zum Beispiel.

Beim Pfingstlehrgang in Oberhaching hat sich bei den Jüngsten die TQKG-Gruppe (siehe Video) gebildet, was hat es damit auf sich?
Voigt:
Während der Oberhaching-Lehrgänge sind auch LK3-Kinder dabei, zwischen 8 und 10 Jahren. Die machen aufgrund ihres Alters „nur“ zwei Einheiten am Tag. Drei Einheiten täglich über eine Woche wären zu viel. Wir haben statt eines dritten Trainings eine Theorieeinheit ins Leben gerufen, bei der die Kinder im Kreis saßen, über Tischtennis redeten und sich reflektierten. Dabei sind sie auf den Namen „TQKG“ gekommen, Tischtennis-Quatsch-Kreis-Gruppe. Und haben in Anlehnung an den TKKG-Song noch ein Lied dazu gemacht. Seitdem ist TQKG fester Bestandteil bei uns. Es gibt eine Reflexion über das eigene Spiel/Training, Videoanalyse, Regekunde, Quiz, Interviews. Beliebt ist vor allem das Jonglieren. Es ist schön zu sehen, wie so eine Gruppe zusammenwächst und wie die Kinder in ihrer Persönlichkeit wachsen.

Zum Abschluss noch mal die Frage: Worauf können denn Trainerinnen und Trainer im Verein achten, wie kann man ein Kind ggf. für eine Sichtung identifizieren?
Voigt:
Für mich ist neben des Alters ganz wichtig, dass das Kind einfach Freude am Spielen hat. Irgendwelche Techniken sind erstmal völlig irrelevant. Wichtiger ist, dass sich das Kind über einen gewissen Zeitraum konzentrieren kann und dass es ein gewisses Maß an Ballgefühl hat. Bei den kleinen Kindern gilt: Koordination ist alles. Wie vorhin schon erwähnt, sind wir gerne immer bereit, uns in Frage kommende Kinder anzuschauen oder generell Fragen zu beantworten.

Kontakt zu Andrea Voigt:
Mobil:  0173-1545109
E-Mail: a-voigt@bttv.de

Andrea, vielen Dank für das Gespräch!

Was ist TQKG? Die jüngeren Kadermitglieder des BTTV erklären es und stellen sich selbst vor.

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