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Personal/Hintergrund  

"BTTV-Talk" mit Dr. Carsten Matthias

Neue Interview-Rubrik auf bttv.de / Vorstandsvorsitzende über 80 Jahre BTTV: "Weiterdenken, ohne unsere Wurzeln zu vergessen"

Neues Interview-Format auf bttv.de: Den Anfang bei "BTTV-Talk" macht der Vorstandsvorsitzende Dr. Carsten Matthias zum Thema: 80 Jahre BTTV (Grafik: Barbara Jungbauer)

Der Bayerische Tischtennis-Verband feiert in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag. Was vor acht Jahrzehnten in zerbombten Räumen des MTV München begann, hat sich zu einem der größten bayerischen Sportverbände und zum größten Tischtennis-Landesverband entwickelt. Fast 29 Jahre leitet Dr. Carsten Matthias die Geschäftsstelle des BTTV im Haus des Sports am Georg-Brauchle-Ring in München. In der ersten Folge unserer neuen Rubrik "BTTV-Talk" schaut der neue Vorstandsvorsitzende des BTTV auf Personen und Meilensteine des Vebandes und wirft einen Blick nach vorn.

Die groß geplante 75-Jahr-Feier fiel seinerzeit leider der Pandemie zum Opfer, in diesem Jahr wird der Verband 80. Lass‘ uns etwas zurückschauen auf die acht Jahrzehnte aus deiner Perspektive. Gibt es drei Dinge oder Personen, die dir sofort in den Kopf kommen, wenn du an dieses Jubiläum denkst?
Carsten Matthias:
 80 Jahre Rückblick ist natürlich Wahnsinn; 80 Jahre habe ich mit meinem Lebensalter noch nicht erreicht, geschweige denn bewusst wahrgenommen. Aber ich bin jetzt fast 30 Jahre dabei, und in der Zeit gab es im Ehren- und Hauptamt Persönlichkeiten, an die ich sofort denken muss.

Rudi Gruber, der frühere Präsident (1973 – 1988) und Ehrenpräsident zum Beispiel. Der war seiner Zeit wirklich voraus. Als im Tischtennis seinerzeit von 21 auf 11 Siegpunkte umgestellt wurde, hat er ein Papier herausgeholt, auf dem er diese Idee schon 15 Jahre vorher schriftlich festgehalten hatte, mit allen Argumenten: schneller, spannungsreicher usw. Ihm haben zu seiner Zeit aber die Instrumente gefehlt, seine Ideen zu kommunizieren, so wie wir das heute tun können, mit E-Mail etc.

Und Claus Wagner natürlich. Er war derjenige, der mich eingestellt hat und der mich bei allen Vorhaben immer unterstützt hat. Claus war eine enorm wichtige Person für den Verband und ist ein Vorbild gewesen: Der klassische Ehrenamtler, der sich ohne eine Bezahlung „aufopfert“. Immer altruistisch, nie auf den eigenen Vorteil bedacht, weshalb es bei kontroverseren Diskussionen mit anderen Organisationen immer so geschmerzt hat, wenn ihm das unterstellt wurde. Wo wir hier alle wissen, dass er nie zum eigenen Vorteil gehandelt und sich immer für andere eingesetzt hat. Und das in einem Umfang, der kaum zu verantworten war gegenüber Beruf und Familie. Ein Beleg dafür ist, dass er denjenigen mit höherer Funktion im BTTV (z. B. Kreisvorsitzende), aber auch vielen anderen Personen aus dem TT-Umfeld zum Geburtstag jährlich eine persönliche, handgeschriebene Karte, geschickt hat. Sein Verteiler umfasste etwa 400 Personen.

Gibt es weitere Personen, die dir in den Sinn kommen?
Matthias:
 Das ist sehr schwierig, da noch jemanden herauszupicken, es gibt einige, sowohl im Ehrenamt als auch unter den Mitarbeitern. Letztlich ist die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt entscheidend gewesen, um wichtige Projekte umzusetzen. Gemeinsam wurde Vieles auf den Weg gebracht, man könnte hier die Digitalisierung nennen. Wir waren mit TT-Liga der Vorreiter bei einer verpflichtenden Ergebniseingabe. Oder auch die ersten beim verpflichtenden Lastschrifteinzug. Das waren alles Schritte, die spontan erstmal zu Protesten an der Basis geführt haben, die sich im Nachgang aber als unbedingt nötig und sinnvoll herausgestellt haben. Dazu gehört übrigens auch die zuletzt eingeführte Turnierlizenz. Die Verbandsarbeit war und ist ein kontinuierlicher Prozess, der wurde begleitet und unterstützt von ganz, ganz vielen Personen. Da möchte ich niemanden unterschlagen.

Wie ist deine Wahrnehmung von 80 Jahren Verbandshistorie?
Matthias:
 Der Tischtennissport hat nach dem Krieg relativ schnell begonnen. In Bayern wie in ganz Deutschland hat er seine Wurzeln im Mannschaftssport. Das hat bei uns Tradition und es gibt dies so nur in wenigen anderen (europäischen) Ländern. In den frühen 90er-Jahren hatten wir einen absoluten Höhepunkt bzgl. der Zahlen von Mitgliedern, Vereinen und Mannschaften erreicht. Aber: Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich seitdem immer schneller geändert. Auch Corona war natürlich ein Rieseneinschnitt. Das Sport- und Freizeitverhalten hat sich derart geändert, dass wir als klassische indoor und terminfixierte Sportart vielleicht nicht mehr ganz en vogue sind. Wir haben dem Rechnung getragen (Stichwort: Vierermannschaften, neue Turnierformate), und es ist zukünftig auch unsere Aufgabe, dass wir verstärkt andere Zielgruppen erreichen: Outdoor-Spieler, Gesundheits-/Freizeitsport, Ping Pong Parkinson – das sind alles Felder, die wir zusammen mit unseren Vereinen bislang zu wenig berücksichtigt haben. Das war früher auch nicht nötig oder gar nicht gewünscht.

Letztlich steht und fällt alles an der Basis mit Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Das veränderte Freizeitverhalten hast du genannt. Wie wirkt sich das auf das ehrenamtliche Engagement aus?
Matthias:
 Das ist eine Entwicklung, die alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft, nicht nur den Sport. Feuerwehr, Rettungsdienste usw. Wir haben die Herausforderung, die richtigen Leute an die richtigen Stellen zu bekommen, und dies nicht mehr mit dem Credo: ‚Du machst das jetzt 40 Jahre und dann schauen wir, wie es weiter geht.‘ Sondern die Mischung ist entscheidend. Viele Vereine haben inzwischen hauptamtliche Geschäftsstellen, bezahlen Übungsleiter, haben Aufgaben klar verteilt. Das ist der richtige Weg. Man muss Mentoring betreiben, Aufgaben projektbezogen angehen, Nachfolger aufbauen. Den klassischen Ehrenamtler, der seinen Job 40 Jahre lang macht und dann vergeblich auf den Nachfolger hofft, der das genauso, wie er es gemacht hat, die nächsten 40 Jahre weiterführt, den wird es nicht geben. Unsere Vereine müssen da umdenken und auch der BTTV hat seine Schlüsse daraus gezogen. Wir als Verband versuchen, unsere Mitglieder dabei zu unterstützen, wo es geht.

Ein sportlicher Höhepunkt war die WM 1969 in München, da warst du sechs Jahre alt. Gab es dennoch in der Rückschau ein paar Erzählungen?
Matthias:
 Es gab Berührungspunkte. Rudi Gruber war zum Beispiel Leiter für Sport und Technik bei der WM. Er hat damals auch die Auslosung gemacht, schön analog mit auf Tischtennisbällen aufgeklebten Zahlen. Im Nachlass von Rudi Gruber haben wir dann auch einige dieser Bälle finden können, mit der die WM-Auslosung durchgeführt wurde. Mein erstes persönliches Erlebnis war das Europe Top 12 Turnier 1980 in der Rudi-Sedlmayer-Halle. Mit Namen wie Desmond Douglas, Jacques Secrétin, Wilfried Lieck, Peter Stellwag. Das war mein erstes bayerisches Event-Highlight.

Wie hat sich generell die Arbeit in der Geschäftsstelle über die Jahre verändert?
Matthias:
 Früher hat das Präsidium entschieden, die Geschäftsstelle hat ausgeführt. Und das waren vor allem eine Verwaltungsarbeiten. Es ging um Pässe, Ehrungen, Anträge. Heute haben wir Fachreferenten, die ganze Bereiche eigenständig betreuen – Finanzen, Leistungssport, Öffentlichkeitsarbeit. Die Anforderungen sind massiv gestiegen. Auch technisch: Als ich angefangen habe, wurde noch mit der Schreibmaschine gearbeitet, dann kam DOS, Windows, das Internet. Wir haben uns damals als einer der ersten Landesverbände eine eigene Domain gesichert, deshalb sind wir bttv.de und nicht der Badische oder der Berliner Verband. 

Wie sieht dein Blick in die Zukunft aus – Stichwort 100 Jahre BTTV in 2045?
Matthias:
 Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Ich habe meine Uni-Arbeit noch mit eingeklebten Bildern gemacht – heute habe ich ein Handy mit Musikbibliothek, Internet und allem digitalen App-Schnick-Schnack. Vielleicht gibt es irgendwann virtuelle Tischtennisturniere – jeder spielt von zu Hause mit VR-Brille, keiner verlässt das Wohnzimmer. Ich bin mir sogar sicher, dass das kommt. Aber was das für unsere Vereins- und Verbandsstruktur bedeutet, das kann ich nicht sagen. Entscheidend ist: Solange wir in einem freien, sicheren Land leben, können wir weiterentwickeln. Das ist die Voraussetzung, und dafür sollten wir einstehen.

Zum Abschluss – was ist dir besonders wichtig für die Zukunft?
Matthias:
 Dass wir offenbleiben. Nicht alles wird funktionieren – das ist auch okay. Selbst Manager in Hightech-Konzernen machen nicht alles richtig. Man trifft Entscheidungen, manche sind gut, manche so lala, manche falsch. Wichtig ist, dass wir daraus lernen und flexibel bleiben. Wir sind kein Unternehmen, das auf Gewinn ausgerichtet ist. Generell werden Veränderungen im Sport immer etwas langsamer umgesetzt als in der freien Wirtschaft. Das kann man positiv oder negativ bewerten, gewisse Gremien, die entscheiden, müssen überzeugt werden. Wir tun gut daran, dass wir nicht nur stur nach irgendwelchen Kennzahlen handeln. Es sind gewisse Traditionen da, die auch bewahrt werden sollten. Allerdings im Umfeld der sich ständig veränderten Rahmenbedingungen. Wir wollen, dass unsere Mitglieder Sport treiben können. Aber wenn uns die Mitglieder wegbrechen, wird’s für uns als Verband existenziell. Und deshalb müssen wir weiterdenken, uns anpassen – ohne unsere Wurzeln zu vergessen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Neue Rubrik auf bttv.de: In der Reihe "BTTV-Talk" wollen wir Personen aus dem Tischtennis-Sport in Bayern zu unterschiedlichsten Themen zu Wort kommen lassen. Den Anfang macht der neue Vorstandsvorsitzende des BTTV, Dr. Carsten Matthias. 

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