Zum Inhalt springen

Personal/Hintergrund  

"Fokus soll nicht mehr auf der Verwaltung liegen, sondern auf der Kommunikation mit den Vereinen"

Verbandsfachwart Mannschaftssport Jürgen Nitschke im BTTV-Talk

Jürgen Nitschke trat im Juli die Nachfolge von Hans-Peter Koller an.

Seit seinem Verbandstag 2025 Anfang Juli in Bad Windsheim hat der BTTV mit Jürgen Nitschke einen neuen Verbandsfachwart Mannschaftssport. Der Nachfolger von Hans-Peter „Ha.-Pe.“ Koller, der sich nach 31 (!) Jahren im Amt in den Ruhestand verabschiedete, ist außerhalb seines Heimatbezirks Mittelfranken-Süd für viele im bayerischen Tischtennis noch ein neues Gesicht. Im BTTV-Talk stellt sich Nitschke vor, spricht über seine ersten Erfahrungen in der „Hauptsaison“ zwischen den Spielzeiten und gibt einen Ausblick auf Chancen, Herausforderungen und Zukunftsideen im Mannschaftssport.

Jürgen Nitschke – ein Name, der im bayerischen Tischtennissport noch nicht ganz so geläufig ist. Stell dich unseren Leserinnen und Lesern bitte erst einmal kurz vor – gern auch mit ein paar persönlichen Eckpunkten zu deinem Hintergrund und deinem bisherigen Weg im Tischtennis, sowohl als Spieler als auch als Funktionär.
Nitschke:
Ich komme aus Fürth, bin 50 Jahre alt, verheiratet und Vater eines Sohnes. Zum Tischtennis bin ich mit 14 Jahren gekommen – und seitdem hat mich dieser Sport nicht mehr losgelassen. Viele Jahre habe ich aktiv bei der SpVgg Greuther Fürth gespielt, aktuell trete ich etwas kürzer und nehme nur gelegentlich an Race-Turnieren teil.

Mein Engagement im Ehrenamt begann 2008 als Kreissportwart im Kreis Fürth, damals in Personalunion auch als Fachwart Mannschaftssport. Mit der Gebietsreform übernahm ich die Rolle des Bezirkssportwarts für Mittelfranken-Süd und war dort nach und nach auch als Fachwart für Mannschafts- und Einzelsport sowie als Spielleiter tätig. Da ich mich wettkampfmäßig etwas zurückgezogen habe, steht bereits fest, dass ich mich 2026 aus dem Amt des Bezirkssportwarts verabschieden werde – denn ich bin überzeugt, dass man für diese Rolle auch sportlich nah dran sein sollte.

Wer oder was hat dich motiviert, als Nachfolger von „Ha.-Pe.“ Koller die Aufgabe des Verbandsfachwarts Mannschaftssport zu übernehmen?
Nitschke:
Die Aufgaben des Fachwarts Mannschaftssport haben mir im Ehrenamt schon immer am meisten Freude bereitet. Ich hatte sogar überlegt, diese Funktion als einzige auf Bezirksebene weiterzuführen, während ich mich aus den anderen Ämtern zurückziehe. In dieser Phase kam dann die fortgesetzte Anfrage aus dem Kreis des ehemaligen BTTV-Präsidiums – heute dem BTTV-Aufsichtsrat –, ob ich mir vorstellen könnte, das große Erbe von Ha.-Pe. Koller anzutreten. Nach etwas Bedenkzeit und dem klaren Hinweis, dass ich mit Nils Rack einen hervorragenden persönlichen wie auch inhaltlichen Konterpart an meiner Seite haben würde, habe ich schließlich Ja gesagt.

Viele Leserinnen und Leser wissen vermutlich nicht im Detail, was ein Verbandsfachwart Mannschaftssport eigentlich macht. Kannst du uns deine Aufgaben und Verantwortlichkeiten kurz skizzieren?
Nitschke:
Als Verbandsfachwart Mannschaftssport im BTTV bin ich für die Organisation und Weiterentwicklung des Mannschaftsspielbetriebs verantwortlich. Dazu gehört die Planung, Koordination und Überwachung des Punktspielbetriebs auf Verbands- und Bezirksebene – inklusive der Erstellung und Veröffentlichung von Spielplänen sowie der Einhaltung aller relevanten Ordnungen.

Ich bin Ansprechpartner für die Spielleiter bei Fragen, Regelverstößen oder Streitfällen und unterstütze bei der Auslegung der Wettspielordnung. Eine wichtige Rolle spielt auch die Kommunikation: Ich fungiere als Bindeglied zwischen Vereinen, Spielleitern und dem Verband und bringe Informationen zu Änderungen im Spielbetrieb oder Regelwerk in die Fläche.

Darüber hinaus kontrolliere ich Mannschaftsmeldungen und Spielberechtigungen, werte Spielergebnisse aus und wirke an der Ligeneinteilung für kommende Spielzeiten mit. Besonders am Herzen liegt mir die Weiterentwicklung des Spielbetriebs – sei es durch Reformvorschläge, Pilotprojekte oder neue Impulse für den Ligabetrieb.

Die „Off-Season“ ist für dich und deine Mitstreiter im Fachbereich die Hauptsaison: Ligeneinteilung, Mannschaftsmeldung, Spielplanerstellung – all das passiert in dieser Phase. Du hast nun deine erste Hauptsaison als Verbandsfachwart Mannschaftssport (fast) hinter dir. Wo lagen dabei die größten Herausforderungen und Schwierigkeiten – speziell im Zusammenspiel mit den Vereinen, der Bezirksebene und dem DTTB – sowie in der Abstimmung mit dem Einzelsport? Oder positiv formuliert: Welches Optimierungspotenzial siehst du hier?
Nitschke:
Die Ligeneinteilung auf Verbandsebene ist im Vergleich zur Bezirksebene grundsätzlich einfacher – mit einer Ausnahme: Bei den Damen gibt es ein regionales Ungleichgewicht, das wir bereits mit kleinen Anpassungen in der Wettspielordnung beim letzten Verbandstag etwas flexibilisieren konnten.

Die Schnittstelle zur Einteilung auf DTTB-Ebene ist aktuell noch nicht optimal abgestimmt, hier besteht definitiv Verbesserungspotenzial. Eine weitere Herausforderung war die Neubesetzung von drei Spielleiter-Positionen – wie so oft im Ehrenamt ist es nicht leicht, engagierte Menschen zu finden. Ich bin aber überzeugt, dass wir sehr gute Leute gewinnen konnten.

Im Bereich der Spielplanerstellung zeigt sich auf Verbandsebene ein größerer Wunsch nach Koppelspielen, was angesichts der teils erheblichen Distanzen zwischen den Vereinen nachvollziehbar ist. Hier wollen wir künftig sowohl technisch – etwa durch bessere Eingabemöglichkeiten bei den Terminwünschen – als auch kommunikativ ansetzen, um die Vereine und Mannschaften stärker einzubinden.

Am Stichwort „Künstliche Intelligenz“ ist derzeit auch im Sport kein Vorbeikommen. Wo siehst du aktuell und zukünftig sinnvolle Einsatzmöglichkeiten bei der Organisation des Mannschaftsspielbetriebs?
Nitschke:
Bei dieser Frage habe ich mir Unterstützung und eine Meinung eingeholt ;-) – und zwar von einem digitalen Assistenten, der mir hilft, komplexe Themen verständlich und praxisnah zu formulieren: 

Schon heute kann Künstliche Intelligenz (KI) im Mannschaftssport wertvolle Dienste leisten – etwa bei der automatisierten Spielplanerstellung, der Optimierung von Ligeneinteilungen oder der Analyse von Spielverläufen und Ergebnissen. Besonders spannend finde ich die Möglichkeit, künftig auch Terminwünsche der Vereine intelligenter zu verarbeiten – etwa durch KI-gestützte Vorschläge für Koppelspiele, die geografische Distanzen und individuelle Präferenzen berücksichtigen.

Langfristig sehe ich großes Potenzial in der Automatisierung von Routineaufgaben, der intelligenten Auswertung von Daten zur Spielentwicklung und sogar in der Unterstützung bei Regelinterpretationen oder Streitfällen. Wichtig ist dabei, dass die Technik den Menschen unterstützt – nicht ersetzt. Die persönliche Kommunikation und das Ehrenamt bleiben das Herzstück unseres Sports.

"Es geht darum, mit den Vorteilen zu überzeugen, nicht durch Zwang zu glänzen." 

Der organisierte Sport im Allgemeinen und ganz besonders der Mannschaftssport steht unter permanentem Reformdruck. Gesellschaftliche Entwicklungen wie der demografische Wandel, veränderte Arbeits- und Lebensrhythmen, Individualisierung, Ehrenamtskrise, Gender Shift u. v. m. fordern ihn heraus. Um attraktiv zu bleiben, muss er sich flexibel anpassen, um den Kern seiner DNA zu bewahren. Welche Elemente machen für dich den unveräußerlichen Kern des Mannschaftssports aus, und an welchen Stellschrauben kann und muss aus deiner Sicht in den nächsten Jahren gedreht werden, um diesen zu sichern und den Mannschaftssport zukunftsfähig zu halten? Von welchen gesellschaftlichen Entwicklungen siehst du aktuell den größten Druck ausgehen, und wie lassen sie sich in Chancen für den BTTV-Mannschaftssport übersetzen?
Nitschke:
 Ein zentraler Punkt ist die Digitalisierung. Sie ist im Bereich der Spielorganisation unverzichtbar geworden, denn die Onlineverfügbarkeit von Informationen ist für viele Menschen heute selbstverständlich. Niemand möchte mehr auf Zettelwirtschaft oder lange Wartezeiten bei Ergebnissen und Berechnungen angewiesen sein. Gleichzeitig dürfen wir niemanden abhängen – es geht darum, mit den Vorteilen zu überzeugen, nicht durch Zwang zu glänzen.

Auch die demografische Entwicklung ist im Tischtennis deutlich spürbar. Wir müssen gezielt in die Jugend investieren und dafür sorgen, dass wir sie beim Übergang in den Erwachsenensport nicht verlieren. Der Seniorensport wird ebenfalls an Bedeutung gewinnen – wobei Tischtennis hier einen Vorteil hat: Altersdurchmischte Mannschaften sind problemlos möglich, das Alter ist bei uns kein Ausschlusskriterium.

Die Ehrenamtskrise trifft auch den Mannschaftssport. Ich glaube, dass wir ihr nur mit effizienteren Strukturen, Aufgabenstraffung und digitaler Unterstützung begegnen können. Ich habe bei meiner Anwerbung halbernst gesagt, dass ich das Amt nur so lange machen möchte, bis ich mich selbst abgeschafft habe – ganz so einfach wird das sicher nicht, aber die Richtung ist damit klar.

Und bei allem Wandel: Der Spaß am Tischtennis muss erhalten bleiben – durch gemeinsames Training, Spiel und auch die gesellige Einkehr danach. Denn das ist es, was den Vereinssport ausmacht. 

Zum Schluss: Wenn wir zehn Jahre vorspulen – woran würdest du persönlich erkennen, dass deine Arbeit als Fachwart erfolgreich war?
Nitschke:
 Wenn die organisatorischen Themen im Mannschaftssport schnell und digital unterstützt von der Hand gehen, wäre das für mich ein klares Zeichen für Erfolg. Mein Ziel ist es, die Rolle des Verbandsfachwarts so zu gestalten, dass der Fokus nicht mehr auf der Verwaltung liegt, sondern auf der Kommunikation mit den Vereinen – insbesondere im höheren, semi-professionellen Ligenspielbetrieb.

Wenn es gelingt, die Wünsche und Bedürfnisse dieser Vereine gezielt aufzunehmen und in die Weiterentwicklung des Spielbetriebs einfließen zu lassen, sodass Tischtennis in Bayern als Mannschaftssport attraktiv bleibt und vielleicht sogar an Strahlkraft gewinnt, dann weiß ich: Die Arbeit hat sich gelohnt.

Jürgen, vielen Dank für das Gespräch!

Ähnliche Nachrichten

Personal/Hintergrund

"Leistungssport ist zu negativ besetzt"

Verbandstrainerin und A-Lizenz-Inhaberin Andrea Voigt spricht im "BTTV-Talk" über ihre Arbeit, die Vorzüge von Leistungssport, den Talentbegriff und die Bedeutung der Eltern

Personal/Hintergrund

"BTTV-Talk" mit Dr. Carsten Matthias

Neue Interview-Rubrik auf bttv.de / Vorstandsvorsitzende über 80 Jahre BTTV: "Weiterdenken, ohne unsere Wurzeln zu vergessen"

Aktuelle Beiträge